Die Karl-May-Stiftung ist seit Wochen für Schlagzeilen und Überraschungen gut – so auch an diesem Wochenende, an dem am vergangenen Samstag die Krisensitzung von Kuratorium und Vorstand der Stiftung stattfand. Und die Ergebnisse dieser Sitzung, die deutschlandweit mit Spannung erwartet und beobachtet wurde, haben es in sich: Fast der gesamte bisherige Vorstand wurde ausgetauscht, neue Kräfte stoßen auf alte Hasen. Dabei ist der Überraschungscoup vor allem die Verpflichtung von Léontine Meijer-van Mensch als Neuzugang im Vorstand, einer angesehenen, erfahrenen und gut vernetzten Museologin, die in den Vorstand das dringend benötigte Expertenwissen einbringt. Sehen wir uns die einzelnen Personen, die allesamt ehrenamtlich für die Stiftung im Einsatz sind bzw. sein werden, im Folgenden etwas genauer an.

Als neuer Vorstandsvorsitzender sowie Geschäftsführer von Museum und Stiftung übernimmt Dr. Volkmar Kunze (* 1954) erneut Verantwortung, nachdem er bereits bis 2014 im Vorstand der Stiftung saß. So war er als stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der Stiftung 2013 auch für die Kündigung von René Wagner, des damaligen Geschäftsführers, verantwortlich. 2014 wechselte er dann, nach ähnlich großem Druck aus der Öffentlichkeit wie in den vergangenen Wochen, ins Kuratorium. Der Kommunalpolitiker (FDP) war von 1994 bis 2001 Oberbürgermeister von Radebeul und dort 2001 abgewählt worden. Er erlitt auch an einer seiner folgenden Wirkungsstätten, als Oberbürgermeister von Zeitz (Sachsen-Anhalt), eine Wahlniederlage und schied dort 2016 aus. Zwischenzeitlich war er unter einem SPD-Oberbürgermeister Bürgermeister in der Lutherstadt Wittenberg. Derzeit ist Kunze laut der Zeitung „Volksstimme“ wegen Untreue in mehreren Fällen angeklagt. Kunze bestreitet laut der Zeitung die Vorwürfe, die seine Zeit als OB von Zeitz betreffen, der Prozess wurde Mitte Januar eröffnet, der Ausgang offen. Kunze ist in der May-Szene und auch in der Stiftung durch seine früheren Aktivitäten im Stiftungsvorstand nicht unumstritten, so wurde er von seinem damaligen Vorstandskollegen Thomas Grafenberg, heute Kuratoriumsmitglied, etwa nach der Kündigung Wagners scharf angegriffen. Die Bild-Zeitung zitierte Grafenberg damals mit den Worten: „Ein Skandal! Ich besitze Dokumente, die Franke und Kunze in die Nähe krimineller Machenschaften rücken. Beide gehören gefeuert.“ Nun übernimmt Kunze in einer weder für ihn noch für die Stiftung einfachen Zeit Verantwortung, um die Zukunft des Museums zu sichern – und wird zusammen mit Robin Leipold, Kustos des Karl-May-Museums, eine Doppelspitze bilden: Leipold als fachlicher Direktor, Kunze als Geschäftsführer.

Die gebürtige Niederländerin Léontine Meijer-van Mensch (Jahrgang 1972) studierte Neue und Theoretische Geschichte und Jüdische Studien in Amsterdam, Jerusalem und Berlin sowie Schutz Europäischer Kulturgüter mit Schwerpunkt Museologie in Frankfurt (Oder). Seit Februar 2019 ist sie die Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu denen auch das GRASSI Museum für Völkerkunde in Leipzig gehört. Zuvor arbeitete sie bis Ende Januar 2019 als Programm­direktorin am Jüdischen Museum Berlin. Im Bereich des Museumsmanagements gilt sie als Hochkaräterin, was sich auch an weiteren beruflichen Stationen ablesen lässt. So arbeitete sie an der Amster­damer Hochschule der Künste als Dozentin und war darüber hinaus als freie und wissenschaftliche Mit­arbeiterin für verschiedene Museen tätig. Von 2014 bis 2017 war sie stell­vertretende Direktorin am Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin. Auch engagierte sie sich für die internationale Vernetzung und war unter anderem Gründungs­präsidentin des Internationalen Komitees für Sammeln (COMCOL) des International Council of Museums (ICOM), seit 2016 ist sie gewähltes Mitglied des Executive Council des Internationalen Museums­rats ICOM. Dem MDR gab Meijer-van Mensch erst zu Beginn dieses Jahres ein Interview, in dem sie auf die Debatte der Rückforderung unrechtmäßig erworbener Kulturgüter einging, ein Thema, mit dem sich auch das Karl-May-Museum bereits häufig auseinandersetzen musste. „Es geht nicht darum, dass wir jetzt Tausende von Easy-Jet-Flugzeugen vollstopfen und die dort landen. Sondern es geht um bestimmte Objekte, bestimmte Objektgruppen, die einfach eine Wahnsinnsbedeutung haben. Oder auch einfach kulturhistorisch wichtig sind – oder sogar monetär wichtig sind. Und ja, diese Debatte müssen wir führen! Diese Objekte müssen wir auch  zurückgeben, da führt kein Weg vorbei. […] Es geht um eine asymmetrische Macht, um eine Ungleichheit, die wir ausloten müssen“, sagte Meijer-van Mensch.

Unter ihrer Leitung wurde von Ende 2019 bis Januar 2020 im GRASSI die Sonderausstellung „Re:Orient – Die Erfindung des muslimisch Anderen“ gezeigt, die Besucher mit (deutschen) Vorurteilen über den Orient konfrontierte – und mittendrin war auch ein Raum zu Karl May.

Dr. Jörg Müller (* 1963) ist Ingenieur und bereits seit 2001 Erster Bürgermeister und Leiter des Geschäftsbereichs Stadtentwicklung und Bau der Stadt Radebeul. Da seine Geschäftsbereiche die Projekt- und Investorenleitstelle, die Stadtplanung und das Stadtbauamt umfassen, ist hier jemand an Bord, der mit der praktischen Umsetzung von Projekten wie der Museumsvision bereits Erfahrung hat. Müller ist parteilos und stand auch auf einer Liste, die der frühere Museumsdirektor Dr. Christian Wacker als Vorschlag einer neuen Stiftungsstruktur als internen Vorschlag ausgearbeitet hatte.

Thomas Grübner ist Geschäftsführer der Elbe-Leasing GmbH in Dresden und bringt in die Stiftungsarbeit seine Erfahrung als Jurist und Kaufmann mit ein. Er ist das einzige Vorstandsmitglied, das für Kontinuität steht, wenngleich Grübner, der seine bisherigen Kollegen im Vorstand scharf kritisierte, den Vorsitz des Gremiums in der ersten Jahreshälfte unter Protest niedergelegt hatte. Später kündigte er seinen Rückzug an, zunächst bis Ende Mai, dann zur Krisensitzung am 27. Juni, aus der er nun gestärkt hervorgeht. Dies dürfte auch damit zu tun haben, dass er der einzige des früheren Rumpfvorstandes war, dem die Belegschaft des Karl-May-Museums ihr Vertrauen aussprach, da sich Grübner glaubhaft für ihre Sorgen und Belange kümmerte und sich noch kurz vor der Kuratoriumssitzung für sie einsetzte. Grübner hat auch eine familiäre Bindung zur Stiftung: Sein inzwischen verstorbener Vater Peter Grübner war in den 1990er-Jahren Vorstandsvorsitzender, übrigens in ähnlich für Stiftung und Museum turbulenten Zeiten.