Auch in diesem Jahr bieten die Süddeutschen Karl-May-Festspiele gelungene Familienunterhaltung, nicht nur, aber auch für Karl-May-Fans. Das zusammengewachsene Team um Intendant Fred Rai zeigte enorme Spielfreude, die sich auf die (teilweise prominenten) Zuschauer übertrug.
Regisseur Peter Görlachs Experiment, das Stück im Orient beginnen zu lassen, darf als erfolgreich betrachtet werden. Farbenprächtige Kostüme und orientalische Musik lenken vom Western-Bühnenbild ausreichend ab, so dass die Eingangsszene auf dem Sklavenmarkt in Tunis durchaus glaubwürdig ist.
Die Besetzung ist annähernd die gleiche wie im Vorjahr: Horst Janson sympathisch und routiniert als Old Firehand, Matthias M. charismatisch würdevoll und doch kriegerisch als Winnetou. Görlach verkörpert den roten und Rai den weißen Gegenspieler. Paloma Nakana, die weiße Taube des Urwalds, wird von Rais Lebensgefährtin Tessa Bauer übernommen. In der Rolle des Sir David Lindsay brilliert Komiker Stefan Mayr. Sam Hawkens wird heuer erstmalig von Alexander Korda gespielt, sein Vater Nino Korda spricht den Erzähler. Korda ist etwas größer, als man sich den schrulligen Westmann gewöhnlich vorstellt, aber er spielt so gut, dass dieses kleine Manko rasch in Vergessenheit gerät. Einen weiteren bekannten Namen hat sich Rai mit Gert Fröbes 12-jährigem Enkel Patrick ins Team geholt. Dieser spielt den Indianerjungen Petaga, der sich mit einem weißen Mädchen anfreundet. Das Stück selbst ist ‚frei nach Karl May‘, wie man schon an den erfundenen Indianernamen erkennen kann. Doch in den Grundzügen stimmt die Geschichte rund um die Familien Adler und Wilkins, und auch die Hauptdarsteller stammen alle aus Mays Feder. Mit den Nebenrollen wurde etwas großzügiger umgegangen, wohl nicht zuletzt, weil es in Dasing zahlreiche begeisterte Hobby-Statisten und Kleindarsteller gibt, die alle auch mitspielen wollen. Dadurch wird die Bühne belebt, egal ob es sich um Westernstadt, Mission oder Indianerlager handelt. Besonderes Lob verdienen die allesamt aufwändigen Kostüme, die in mühevoller Kleinarbeit so originalgetreu wie möglich gefertigt wurden. Auch sonst wird auf Authentizität geachtet. So ist z.B. der Marterpfahl der Marikopas gar keiner, sondern eine Art ‚Pranger‘, wie er speziell bei diesem Indianerstamm verwandt wurde. Für Spannung und Action sorgen mehrere Überfälle und Kampfszenen. Diese verdrängen allerdings die Handlung ebenso wenig wie die heuer erstklassige, aber eher dezente Komik. Das Märchenhafte und leicht Mystische darf im Vordergrund bleiben. Der Zuschauer verlässt die Vorstellung mit dem beruhigenden Gefühl, dass das Gute letztendlich gesiegt hat. Karl May eben!
Elke Lakey
Foto: Abb