Die Karl-May-Stiftung hat mit der Verpflichtung von René Wagner als Interimsgeschäftsführer die „Rolle rückwärts“ gemacht: Mit Wagner kommt ein Mann, der dem Karl-May-Museum bereits 27 Jahre als Direktor diente – und der 2013 im Streit entlassen wurde, so wie seine Nachfolger Claudia Kaulfuß und nun Christian Wacker.

Die Belegschaft lehnt Wagner geschlossen ab. Das verwundert nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass der Vorstand der Karl-May-Stiftung der Kritik und den Forderungen der Belegschaft bislang mit beispielloser Ignoranz begegnete. Es ist auch deshalb wenig verwunderlich, weil schon nach der Wende und vor Wagners Entlassung 2013 die Eignung des gelernten Chemiefacharbeiters und Diplom-Ökonomen als Museumsmanager in Frage gestellt worden war – und nicht zuletzt ist die Person René Wagners in der Karl-May-Szene und darüber hinaus umstritten.

Zunächst: „Mit René Wagner und seiner Reputation in der Karl-May-Szene wollen wir einen gemeinsamen Weg finden – auch mit der Belegschaft des Museums“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Karl-May-Stiftung, Bert Wendsche, zugleich Oberbürgermeister der Stadt Radebeul, gestern auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung. Wendsche bewies hier einmal mehr, dass ihm offenbar jeglicher Instinkt – oder notwendige Informationen – fehlen. Denn einerseits regte sich in der Mitarbeiterversammlung eben breiter Widerstand gegen die Personalie (KARL MAY & Co. berichtete), und andererseits kann von Reputation nicht die Rede sein, zieht man René Wagners Biografie heran.

Zwar wurde Wagner in der Karl-May- und Indianistik-Szene jahrelang von vielen wie ein Maskottchen des Karl-May-Museums empfunden – sein Sheriff-Outfit war sein Markenzeichen, und Wagner suchte stets den Kontakt zu Karl-May-Freunden und Indianistikbegeisterten, wodurch ihm eine gewisse „Volksnähe“ beschieden war.

Doch Wagners Einstieg in die Indianistik-Szene erfolgte bereits früh – und sie ist verbunden mit einer inoffiziellen Mitarbeit für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, wie Dokumente aus der Stasi-Unterlagen-Behörde belegen. Demnach diente Wagner der Stasi zwischen 1969 und 1976 als „GMS Runge“ (GMS = „Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit“, eine Kategorie inoffizieller Informanten) bzw. zuletzt als „IMS Runge“ (IMS = „Inoffizieller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches“). Wagner unterzeichnete sowohl 1969 als auch 1974 Verpflichtungserklärungen, und seine Arbeit für die Stasi berührte schon früh Themen seines späteren Tätigkeitsbereichs im Karl-May-Museum (ab 1985). So wurde er bereits ab 1969 auf Mitglieder der Indianistik-Szene angesetzt (genauer gesagt: auf Mitglieder des „Indianistikclubs Hellerau“). Während Wagners Studium zwischen 1970 und 1974 ruhte die aktive GMS-Tätigkeit für die Stasi, die in dieser Zeit laut MfS-Unterlagen nur losen Kontakt zu Wagner hielt. Danach, 1974, wurden Wagners Stasi-Dienste reaktiviert, und Wagner lieferte unter dem Decknamen „Runge“, nunmehr als „IMS“, wie schon ab 1969 aus seinem privaten und beruflichen Umfeld Berichte an die Stasi („Berichte waren stets in einer guten Qualität und konnten operativ ausgewertet werden“, hielt die Stasi Ende 1974 fest). 1976 endete seine IM-Tätigkeit, da Wagner von der Stasi als nicht mehr geeignet eingestuft wurde; er hatte sich beispielsweise mehrfach „dekonspiriert“, wie die Nicht-Geheimhaltung der Stasi-Tätigkeit im MfS-Jargon genannt wurde. Ein weiterer Grund war, dass er als hauptamtlicher Mitarbeiter „in die Parteileitung“ wechselte. Ganz ließ die Stasi Wagner aber nicht fallen: „Der W. wird auch künftig bei Notwendigkeit als KP genutzt“, hieß es im Abschlussbericht des MfS im April 1976. „KP“ bedeutete „Kontaktperson“.

Verpflichtungserklärung René Wagners als Stasi-Mitarbeiter "Runge" vom 16.10.1969 (Quelle: BStU)

Verpflichtungserklärung René Wagners als Stasi-Mitarbeiter „Runge“ vom 16.10.1969 (Quelle: BStU)

Als René Wagner dann 1985 ins Karl-May-Museum kam, zunächst als Stellvertreter des langjährigen Museumsdirektors Paul Siebert (der viele Jahre als Führungs-IM ebenfalls der Stasi diente), dann 1986 sein Nachfolger wurde, war Wagner nicht mehr IM, hielt aber Kontakt zur Stasi. Nach der Wende beteuerte Wagner, diese Kontakte seien in seiner Position in der DDR unvermeidlich gewesen. Allerdings verstrickte er sich immer wieder in Widersprüche, etwa, was die Einrichtung einer Konspirativen Wohnung (KW) der Stasi in der ehemaligen Bibliothek Karl Mays in der „Villa ‚Shatterhand.‘“ betrifft. So wollte Wagner zunächst nichts von der Einrichtung der KW gewusst haben. Doch Akten aus der Stasi-Unterlagen-Behörde dokumentieren, dass Wagner aktiv in die Schaffung der sogenannten „KW Karl“ eingebunden war, sogar dem hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter Hartmut Pfuhland eine geeignete Räumlichkeit im Museum vorschlug. Und mehr noch: „Die Treffs werden durch den Leiter abgedeckt“, wie es in einem von mehreren Schreiben zur „KW Karl“ aus dem Jahr 1987 heißt. Besprochen wurden mit Wagner seitens des Ministeriums für Staatssicherheit zudem Details zur Nutzung der KW, also beispielsweise, wie sich inoffizielle Mitarbeiter, die für Treffs ins Museum zu kommen beabsichtigten, bei Wagner anmelden sollten. Wagner sicherte der Stasi, wie den Dokumenten entnommen werden kann, wiederholt Unterstützung zu. Nach der Wende auf die Einrichtung der KW angesprochen, sagte Wagner: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dort eine ‚Konspirative Wohnung‘ hat einrichten wollen“. Wie Wagner überhaupt nach dem Umbruch in der DDR nie vollständig reinen Tisch mit seiner Stasi-Vergangenheit machte.

Die Stasi-Unterlagen zeigen auch, wie Wagner kurz vor der Wende einen unliebsamen Museumsmitarbeiter – seinen Stellvertreter und zugleich inoffizieller Mitarbeiter der Stasi –, der sich in seinen Augen disqualifiziert hatte, loswerden wollte und dabei die Stasi aktiv einschaltete. (Die lange Stasi-Story des Karl-May-Museums Radebeul hat KARL MAY & Co. in der Artikelserie „Die Karl-May-Szene und die Stasi“ in den Heften Nr. 148, 149, 150, 151, 152 und 156 umfassend dokumentiert.)

Was Wagners lange Amtszeit im Radebeuler Museum betrifft, so stieß er offenbar zunehmend mit der vielseitigen Aufgabe an seine Grenzen. Der Literaturwissenschaftler Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid kommentiert: „Der brave Mann, der schon bis zum Ende seiner Amtszeit überfordert schien, neue Perspektiven zu entwickeln, soll nach dem Willen des Vorstands, ‚als Geschäftsführer zeichnungsberechtigt‘ sein, ‚dem es erlaubt ist, Bankvollmachten zu unterschreiben‘. In Bayern sagt man zu so einer Position „Grüßaugust“ (…). Und ausgerechnet er soll ‚die Wogen zwischen dem Stiftungsvorstand und der Belegschaft‘ glätten?“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme. Mit „dieser Volte“, so Scheinhammer-Schmid, habe der noch amtierende Vorstand deutlich gezeigt, dass er „möglichst bald zu einem nicht mehr amtierenden Vorstand werden sollte“. Der Rücktritt der Herren Wendsche, Harder und Voigt sei laut Scheinhammer-Schmid unumgänglich, um Schaden von den Radebeuler Institutionen abzuwenden.

Zurück in die Jetztzeit: Der bisherige Museumsdirektor Christian Wacker warf der Karl-May-Stiftung unter anderem fehlende Kritikfähigkeit und einen Mangel an Transparenz und Toleranz vor. Er machte dies unter anderem daran fest, „dass ein Beitrag einer anerkannten amerikanischen Professorin für den letzten ‚Beobachter‘ [gemeint ist das ehemalige Museumsmagazin „Der Beobachter an der Elbe“] abgelehnt wurde, nur weil er ‚dem Gerücht, May sei homosexuell gewesen, neue Nahrung geben‘ könnte“, so Wacker in der detaillierten Begründung seines Rücktritts (KARL MAY & Co. berichtete). Zudem habe „ein weiteres Mitglied des Vorstands der Stiftung“ unterstrichen, „May solle nicht mit ‚Schwulengeschichten in Verbindung‘ gebracht werden“, so Wacker, der resümierte: „Solche Äußerungen vertragen sich nicht mit dem Stiftungszweck unserer Satzung §2.1 der ‚[…] erzieherische[n] Absicht der Ausbreitung von Toleranz […]‘“. Diese Kritik aufgreifend, bezog die gesamte Belegschaft des Karl-May-Museums zudem Stellung: „(Das) sorgt für uns als Team, das sich den Idealen Karl Mays von Weltoffenheit, Toleranz und freier Meinungsäußerung verpflichtet sieht, für absolutes Unverständnis. Wir als Belegschaft des Museums lehnen klar jegliche Form von Homophobie und Sexismus entschieden ab und sind über das Verhalten des Vorstandes mehr als erschüttert“.

Ausgerechnet der frühere Stasi-Mitarbeiter René Wagner, der nach der Wende alles andere als transparent und selbstkritisch mit der eigenen Geschichte umging, soll nun für „Stabilität“ sorgen. So teilte der Stiftungsvorstand in einer Presseerklärung mit, ihm sei „daran gelegen, die Situation von Stiftung und Kuratorium in einer (…) schwierigen Zeit zu beruhigen und zu stabilisieren; gerade auch im Interesse der engagierten Belegschaft“. Ob jedoch eine Stabilität mit einem Interimsgeschäftsführer Wagner möglich ist, bleibt abzuwarten. Denn Wagner ist auch deshalb umstritten, da er sich nach seinem Ausscheiden aus dem Museum mit zweifelhaften öffentlichen Äußerungen zu Wort meldete. So verstieg er sich auf seiner öffentlich zugänglichen Facebook-Seite am 27. Juni 2017 mit einem Beitrag zur „Ehe für alle“ zu einer solchen Passage: „Wenn nun Zug um Zug alle bisherigen Wertvorstellungen in den Orkus gespült werden, ist es sicher nur eine Frage der Zeit bis die Polygamie und Zoophilie legalisiert werden – dann entdecke ich meine Liebe zur Vomerophilie (erbrechen) oder heirate meinen Hund Amari“, so Wagner, der auf Facebook auch eine Meldung der wegen rechter Tendenzen in der Kritik stehenden Zeitung „Junge Freiheit“ teilte und Thilo Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme“ empfahl.

Skizze der einzurichtenden Konspirativen Wohnung (KW) "KW Karl" der Stasi in der "Villa 'Shatterhand.'" von 1987 – René Wagner schlug laut Stasi-Unterlagen den Konferenzraum, die frühere Bibliothek Karl Mays, für diese Verwendung vor. (Quelle: BStU)

Skizze der einzurichtenden Konspirativen Wohnung (KW) „KW Karl“ der Stasi in der „Villa ‚Shatterhand.'“ von 1987 – René Wagner schlug laut Stasi-Unterlagen den Konferenzraum, die frühere Bibliothek Karl Mays, für diese Verwendung vor. (Quelle: BStU)