Neue Besen kehren gut, lautet ein Sprichwort – und zumindest auf die eindrucksvolle Eröffnungsszene des neuen Stücks der Karl-May-Spiele Bad Segeberg ‚Winnetou und Old Firehand‘ trifft dies zu. Der neue Regisseur Krystian Martinek, der Norbert Schultze jr. nach acht Inszenierungen in Folge abgelöst hat, zeigt gleich zu Beginn, dass er ein Feeling für die riesige Freilichtbühne am Kalkberg hat: Parranoh (hervorragend: Nicolas König) reitet mit Elan durch den Mittelgang zwischen Sperrsitz und Platzgruppe I, zahlreiche Indianer laufen durch die Zuschauerreihen auf die Bühne, in der folgenden Szene betritt auch Beatrice Richter auf diese publikumsnahe Art und Weise den Sand der Arena. Die bekannte Schauspielerin ist in diesem Jahr zusammen mit ihrem Bühnenpartner Peter Schmidt-Pavloff und einer Papagei-Attrappe (wenig originell: der Vogel dient als Navigationsgerät) in diesem Jahr für den so genannten Humor zuständig. In einem seltsamen Gefährt tuckert das Klamauk-Trio durch Michael Stamps zehntes Karl-May-Stück. Der Segeberger Humor war zwar schon mal störender, aber auch schon weniger platt.
‚Winnetou und Old Firehand‘ wurde wesentlich rasanter inszeniert als die Stücke der vergangenen Jahre, Regisseur Martinek hat zahlreiche Szenen sehr straff in Szene gesetzt und das Stück zudem mit actionreichen Zutaten gewürzt: Mehrere längere, sehr gut choreografierte Zweikämpfe und Szenen mit vielen Pferden und Akteuren auf der Bühne wussten das Premierenpublikum am Samstagabend zu begeistern. Und doch blieb ein fader Nachgeschmack: Zu kurz, chaotisch und zum Teil etwas verwirrend war die nur 25-minütige Spielzeit nach der Pause, zu wenig war ein roter Faden auszumachen und zu viele Fragen warf die etwas dürre Handlung auf. An den nach wie vor nicht perfekt in Szene gesetzten Massenszenen hat sich auch nach der Ära Schultze nichts geändert: Bei den Überfallen schießen die wenigen Reiter (überwiegend Statistinnen) etwa mit lächerlichen Colts wahllos herum, vorweg reitet meist die vom Typ her alles andere als einem kriegerischen Indianer nahe kommende Reittrainerin.
Für Segeberg-Fans zudem bitter: Publikumsliebling Joshy Peters (als Emery Forster) hat nur wenige Szenen und wurde kaum in die zentrale Handlung des Stückes integriert; an keinem einzigen Kampf ist er beteiligt, der Beziehung zu seinem Kompagnon Parranoh wurde darüber hinaus nicht genügend Zeit eingeräumt, ebenso wenig der Liebesbeziehung zwischen Old Firehand (solide, aber vom Typ her fehlbesetzt: Alexander Wussow) und Ribanna (für manche ein Lichtblick, für andere ‚eine Stufe vor Tatjana Pokorny‘: Maike von Bremen). Unklar bleibt, ob die sowohl von Winnetou (hervorragend: Erol Sander), Old Firehand und Parranoh umworbene Ribanna am allzu abrupten Ende des Stücks – so wie bei Karl May – stirbt oder verwundet überlebt. ‚Ein Schauspieler stirbt immer gerne, aber das kann man den vielen Kindern im Publikum nicht zumuten‘, kommentierte Maike von Bremen und lieferte damit ihre eigene Interpretation der Stamp’schen Version.
Mehr als 7.400 Zuschauer erlebten am Samstagabend bei bestem Wetter die Premiere im Freilichttheater am Kalkberg. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) hatte die Spiele (er sprach von den ‚Karl-May-Festspielen‘) feierlich eröffnet. Den Colt, den ihm Bad Segebergs Bürgermeister Hans-Joachim Hampel zwecks Eröffnungsschusses überreichte, kommentierte Carstensen mit den Worten: ‚Den werde ich behalten und mit nach Kiel nehmen, denn da sitzen ja auch ein paar Rothäute am Kabinettstisch.‘
In der nächsten Spielzeit steht ab 28. Juni 2009 ‚Der Schatz im Silbersee‘ auf dem Programm der Karl-May-Spiele – offenbar erneut mit ‚Winnetou‘ Erol Sander. Eine ausführliche Premierenkritik ist in der nächsten Ausgabe von KARL MAY & Co. zu lesen, die im August erscheint.
nf
Foto: Ribanna (Maike von Bremen) und Winnetou (Erol Sander) (KARL MAY & Co./Finke)