Karl-May-Stiftung und -Museum bekommen einen neuen Geschäftsführer, zumindest für ein Jahr. Das ist eines der Ergebnisse der vielbeachteten Sitzung des Kuratoriums und des Vorstandes der Stiftung vom vergangenen Samstag (KARL MAY & Co. berichtete).

Der neue Mann ist ein alter Bekannter: Dr. Volkmar Kunze. Langjährige Enthusiasten kennen ihn noch, wie er Colt-schwingend in Cowboy-Kluft die Karl-May-Festtage im Lößnitzgrund besuchte, die er als Oberbürgermeister von Radebeul (bis 2001) eröffnete. Der gebürtige Radebeuler war bereits von 1991 bis 2014 im Vorstand der Stiftung, darunter sowohl als stellvertretender Vorsitzender (1991 bis 1995 und 1995 bis 1997) als auch als Vorsitzender (1995 und 1997 bis 2012). Er zählte somit auch zu denjenigen, die 1995 den „Verlag der Karl-May-Stiftung“ etablieren wollten und damit scheiterten. Nach großer Kritik am Stiftungsvorstand, der dem langjährigen Geschäftsführer René Wagner gekündigt hatte, wechselte Kunze 2014 ins Kuratorium, dessen Mitglied er bis zuletzt war – eine Postenrochade also, die sich auch in der aktuellen Situation der Stiftung wiederfindet.

So avanciert Kunze nun erneut zum Vorstandsvorsitzenden und erstmals auch zum Geschäftsführer sowohl von Museum als auch Stiftung. Ein Comeback, das sich niemand hätte vorstellen können, aber die außergewöhnlichen Bedingungen, die die tiefgreifende Radebeuler Krise mit sich brachte, machten so einiges möglich, das zuvor als undenkbar galt.

Kunze erklärte sich auf KARL MAY & Co.-Anfrage prompt zu einem Interview bereit und hielt so sein Wort, nachdem er vor einigen Wochen mitgeteilt hatte, sich erst äußern zu wollen, wenn die Kuratoriumssitzung stattgefunden hätte. Der FDP-Politiker, der Mitglied in der Karl-May-Gesellschaft ist und am Tag nach der Radebeuler Krisensitzung 66 Jahre alt wurde, wird nun zu einer der wichtigsten Personen in Sachen May und Radebeul in einer Zeit, die für ihn selbst nicht die einfachste ist: So ist er derzeit wegen Untreue angeklagt (KARL MAY & Co. berichtete). Kunze legt wert auf die Tatsache, dass er bislang nicht verurteilt wurde: „Zur erneuten Hervorhebung des Ermittlungsverfahrens im Personaltableau vom Sonntag muss ich zwingend richtig stellen, dass sich dieses ausdrücklich nach ersten Bewertungen des Gerichts nicht mit dem OB von Zeitz beschäftigt, sondern mit meiner Aufsichtspflicht in der Funktion als Vorsitzender des Aufsichtsrates der Stadtwerke Zeitz. Bereits am Eröffnungstag hat die Verteidigung Beweisanträge begründet, die dazu führten, dass das Gericht mit der Forderung von Nachermittlungen zum Unschuldsbeweis das Verfahren auf unbestimmte Zeit ausgesetzt hat“, so Kunze in einer Vorbemerkung zum Interview.

Der derzeitige Präsident des Kuratoriums, Dr. Robert Straßer, preist Kunze im Gespräch mit KARL MAY & Co. als „eines der wenigen Gremienmitglieder, die vor Ort leben, das Museum gut kennen und gleichzeitig die stiftungsrechtlichen Herausforderungen einschätzen können“. Kunze habe „auch bereits eine Kommunikation mit dem Personal aufgebaut. Das ist, wie wir alle wissen, sehr wichtig“, so Straßer, der der Ansicht ist, dass „in der anstehenden Periode der Umorganisation“ jemand nötig sei, „der diese Kompetenzen hat. Experimente wären hier sehr gefährlich. Auch die anderen neuen Personen im Vorstand stellen in diesem Sinne eine Mischung aus Kontinuität und Erneuerung dar“, so Straßer.

Herr Dr. Kunze, Sie sind vorgestern als Mitglied des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung wieder in den Vorstand gerückt. 2014 wechselten Sie vom Vorstand ins Kuratorium. Wie unterscheiden sich die Aufgaben konkret? Wo fühlen Sie sich wohler und was bewog Sie nun dazu, den Vorsitz des Vorstandes und das Amt des Geschäftsführers zu übernehmen?

Mit den Ereignissen der letzten Wochen war eine Situation eingetreten, in der es persönlicher Bereitschaften bedurfte, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Viele Gespräche wurden von mir geführt, neue Vorstandsmitglieder zu gewinnen. Durchgängig bekam ich die Antwort, dass man dazu bereit sei, aber nicht in dieser Situation, vielleicht später, wenn „geordnete Bahnen“ geschaffen sind. Ich gehöre zu jenen, die nicht kneifen, wenn es darum geht, auch Verantwortung in schwierigsten Situationen auszuüben. 1990/1991 war ich an der Seite von Wolfgang Mischnick, Claus Roxin und Peter Grübner vor die Aufgabe gestellt, dass der junge Freistaat Sachsen nicht die historische Stiftungsfunktion der Gründung übernehmen wollte und uns die jetzige Form nahelegte. Wir haben damals lange daran und an der damit erforderlichen neuen Satzung gearbeitet.

1995 standen gleich zwei Probleme an, es gab einen schwierigen Umgang mit dem damaligen Kuratoriumsmitglied Lothar Schmid, und wir hatten einen Vorstandsvorsitzenden Kühn, der seine Persönlichkeit außerordentlich eng mit Karl May selbst verband (gemeint ist Hans-Joachim Kühn; Anm. d. Red.). Mit der „Radebeuler Silberbüchse“ stand er eines Abends gegen 23 Uhr vor dem Karl-May-Haus in Hohenstein-Ernstthal und verlangte Einlass in das Geburtshaus Mays.

2002 stand die Förderung durch den Kulturraum auf dem Spiel, weil das ererbte Vermögen der Stiftung vom Museumsdefizit und damit von der Förderung abgezogen werden sollte. Gemeinsam mit dem Kulturraum wurde dann der Weg der Karl-May-Museum gGmbH gegangen, das formale Förderproblem abgewendet.

2008 war die Prüfung der Karl-May-Stiftung durch den Kulturraum und den Landesrechnungshof. Es drohte eine siebenstellige Rückzahlung von Fördermitteln des Kulturraumes. Gemeinsam mit der zu diesem Zeitpunkt neu eingestellten kaufmännischen Mitarbeiterin Claudia Kaulfuß gelang es, etwa zehn Jahre Geschäftsführungsunterlagen aufzuarbeiten und die Rückzahlung fast vollständig abzuwenden.

„Ich bin aus der beruhigenden Funktion der Aufsicht über den Vorstand als Vizepräsident des Kuratoriums in die Funktion des Akteurs zurückgekehrt, weil es mein Anliegen ist, wieder geordnete Arbeit der Stiftung und vor allem des Teams des Museums zu sichern.“

Die Rochade von 2014 hatte personelle und betriebswirtschaftliche Hintergründe. Frau Kaulfuß wurde in diesem Zusammenhang kaufmännische Geschäftsführerin. In Ihrem Artikel vom 28.06.2020 haben Sie die damaligen Äußerungen von Thomas Grafenberg zitiert. Auch er war am Samstag bei meiner einstimmigen Wahl dabei.

Ich bin aus der beruhigenden Funktion der Aufsicht über den Vorstand als Vizepräsident des Kuratoriums in die Funktion des Akteurs zurückgekehrt, weil es mein Anliegen ist, wieder geordnete Arbeit der Stiftung und vor allem des Teams des Museums zu sichern. 2014 haben viele persönliche Beschädigungen stattgefunden – ich blicke in Kenntnis und Erleben der Stiftungsgeschichte nach vorn und kneife eben nicht. Es ist also nicht die Frage, wo ich mich wohler fühle, im Kuratorium oder im Vorstand, es war die Frage, wo und wie kann ich mich bei den aktuellen Problemen am geeignetsten einbringen. Deshalb war ich bereit, für diese Aufgabe erneut zu kandidieren.

Wie haben Sie Ablauf und Dauer der Sitzung in Erinnerung?

Hier hat sich die Beantwortung der Frage an mich mit dem heute bereits veröffentlichten Interview mit Florian Schleburg überlagert. Er hat Verlauf und Ergebnis der mehr als neuneinhalbstündigen Kuratoriumssitzung sehr genau beschrieben, es bedarf keines Zusatzes.

„In einer solchen Situation darf es keine Gewinner und keine Verlierer geben, nur ein Kompromiss, mit dem viele – möglichst alle – leben können, hilft der Zukunft.“

Auch an Sie die Frage: Wie bewerten Sie die erzielten Ergebnisse des Tages?

Es war bereits vor Beginn des Beratungsmarathons klar, dass ein sehr dicht gewobener Knoten umgefädelt werden musste. Es gab sehr unterschiedliche persönliche Befindlichkeiten, Emotionen und Ansichten. Fest stand auch, dass die Stadt Radebeul und der Freistaat Sachsen eingebunden bleiben mussten. Das ist mit Léontine Meijer-van Mensch, die in Verantwortung des Freistaates Sachsen als Direktorin der ethnologischen Sammlungen des Freistaates innerhalb der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden steht, und Dr. Jörg Müller als erster Stellvertreter des Radebeuler Oberbürgermeisters gelungen. Erstmals steht damit eine Frau – und diese auch noch vom Fach – im Vorstand für Aufgaben zur Verfügung.

Das Ergebnis der Kuratoriumssitzung ist aus meiner Sicht insgesamt besser, als vorher erhofft werden konnte – es hat, trotz vieler auch kontroverser Meinungen, die Möglichkeit eingeräumt, vor allem nach vorn zu denken und zu arbeiten. In einer solchen Situation darf es keine Gewinner und keine Verlierer geben, nur ein Kompromiss, mit dem viele – möglichst alle – leben können, hilft der Zukunft.

„Finanzen – Finanzen und nochmals Finanzen!“

Nun sind Sie neben Robin Leipold in der Verantwortung, die Geschicke des Museums zu leiten. Was sind nun die dringendsten Probleme, die die personell neu aufgestellte Stiftung lösen muss?

Finanzen – Finanzen und nochmals Finanzen! Vor allem durch den von Corona verursachten Ausfall von bisher mehr als 10.000 Besuchern klafft eine erhebliche Lücke. Der Bericht des letzten Vorstandes am Samstag betonte auch ein Finanzproblem, welches mit den Lagerbeständen der Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays (HKA) zusammenhängen soll. Das Museum kann die Sommerferienevents aufgrund der weiter bestehenden Einschränkungen sämtlich nicht durchführen, auch Gruppenführungen sind aus heutiger Sicht frühestens Ende August wieder denkbar. Es muss also ein sechsstelliger Betrag des Ausfalls von Eintrittsgeldern kompensiert werden. Dazu muss es uns gelingen, den Kulturraum und auch den Freistaat Sachsen in eine „Solidargemeinschaft“ einzubinden.

„Ganz wichtig ist aber vor allem, unser Museumspersonal, welches unser erstrangiges „Kapital“ ist, mit dessen Ideen und dessen Engagement nicht nur zu Wort kommen zu lassen, sondern in den Konsolidierungsprozess aktiv einzubinden.“

Ganz wichtig ist aber vor allem, unser Museumspersonal, welches unser erstrangiges „Kapital“ ist, mit dessen Ideen und dessen Engagement nicht nur zu Wort kommen zu lassen, sondern in den Konsolidierungsprozess aktiv einzubinden.

Auch diese Frage haben wir schon Florian Schleburg gestellt: In welche Richtung sollte sich Ihrer Meinung nach nun die Museumsarbeit bewegen? Was sind die wichtigsten Aktivitäten und Maßnahmen, auf die es nun ankommt, um Karl May gerecht zu werden?

Wir haben in der Kuratoriumssitzung einen von tiefer Sachkenntnis getragenen Bericht des Museumsbeirates erhalten. Die darin enthaltenen Empfehlungen zu strukturellen, organisatorischen und finanzstrategischen Veränderungen sind aufgegriffen worden und werden mit Workshops und der Einbeziehung externer Beratung intensiv weiterverfolgt. Ziel wird es weiterhin sein, das Museum als eine an den Besuchern orientierte Eventstätte zu modernisieren. Dazu müssen die Finanzen geordnet und zukunftssicher sein.

Was erhoffen Sie sich von der Personalie Léontine Meijer-van Mensch?

Leontine Meijer-van Mensch wurde aus der Mitte des Kuratoriums vorgeschlagen. Sie ist eine erfahrene Museumsdirektorin, die mit schwierigen Themen unter modernen Gesichtspunkten umzugehen weiß. Zudem stehen die völkerkundlichen Sammlungen der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, Leipzig und Herrnhut, die von ihr geführt werden, auch wissenschaftlich wichtigen Teilen der Bestände des Karl-May-Museums nahe. Sie wird sehr intensiv unserem Sammlungsleiter Robin Leipold zur Seite stehen.

Liest man Ihre gestrige Pressemitteilung, könnte man meinen, eine Auseinandersetzung mit den Vorwürfen Dr. Christian Wackers wäre zu kurz gekommen.

Dr. Wacker stand uns für einen solchen Dialog nicht zur Verfügung. Es macht aber wenig Sinn, Behauptungen und Gegenbehauptungen der Akteure ausschließlich im schriftlichen Verfahren zu bewerten. Die Personen der Gegendarstellung waren zwar teilweise anwesend, aber: „Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede!“ Man kann nur wichten und werten, wenn beide Seiten auch das tatsächliches Gehör mit Nachfragemöglichkeiten wahrnehmen.