„Jetzt sind wir allein, mein Bruder“, sagt Winnetou am Ende von „Winnetou 1. Teil“ zu Scharlih Shatterhand. Der Film von 1963, der in vieler Hinsicht ein Vorbild für „Winnetou I“ in Elspe war und ist, endet damit, dass die Blutsbrüder zur Musik von Martin Böttcher in den Sonnenuntergang reiten. Im Sauerland hat es am Samstag eine andere Szene gegeben, einen besonderen Epilog, der nicht wenigen Freunden Karl Mays „Pipi in die Augen“ trieb, wie die Co-Redakteurin dieses Magazins auf einer „sozialen“ Plattform formulierte.

Scharlih führt seinen Bruder in einer surrealen Sequenz nach Radebeul, zum Grab des Maysters, und erklärt Winnetou, dass sie niemals allein sein werden, so lange der Name ihres Erfinders noch eine Bedeutung hat, so lange die Bücher gelesen, die Filme geschaut und die Bühnen besucht werden, auf denen ihre Abenteuer bis in die Gegenwart erzählt werden.

Das ist ein rührender Moment, den Autor und Regisseur Marco Kühne da neu für das Stück geschrieben hat, das sein Vater Jochen Bludau erstmals 1978 mit Pierre Brice auf den Rübenkamp brachte. Zusammen mit einem stark veränderten Prolog und diversen neuen Szenen rundet dieser Schluss eine Produktion ab, die mit Abstand zum Besten gehört, das jemals hier in Elspe inszeniert wurde – und sich auch im Vergleich zu vielen anderen Bühnen mehr als sehen lassen kann.

Der Grundrahmen ist nach wie vor das damalige Stück, mit dem der Autor erstmals überhaupt speziell den Band 7 der Gesammelten Werke bearbeitet hatte. Aber es gibt eine neue Sequenz, in der Winnetou seinem Iltschi die Geschichte erzählt, wie er zu seinem Namen gekommen ist, der übersetzt „Brennendes Wasser“ bedeutet. Jean-Marc Birkholz hat für 2026 ein neues Kostüm bekommen, das die Entwicklung des jungen Kriegers zum späteren Häuptling ein wenig unterstreichen soll – das passt, obwohl der Häuptlingssohn bei May trotz seiner Jugend auch schon wie in Doppelgänger seines Vaters auftritt.

Der neue Old Shatterhand hat selbst viele Jahre Winnetou auf österreichischen Bühnen gespielt, Jetzt ist Thomas Koziol 40 Jahre nach seinem ersten Besuch in Elspe ins Sauerland zurückgekehrt und eigentlich viel zu alt für das Greenhorn dieser Geschichte. Schauspielerisch kann er dennoch in der Rolle überzeugen, der er eine durchaus neue Note verpasst und dabei ziemlich gut mit Birkholz harmoniert. Ein echter Gewinn, der auch die erste Wahl Kühnes war.

Apropos Pferd. „Ich würde ja gern mit Tangua reiten, aber ich habe kein Pferd“, lässt ihn das Textbuch an einer wichtigen Stelle nach der Blutsbrüderschaft sagen – ein schönes Stichwort für eine weitere neue Szene. Erstmals in Elspe ist zu sehen, wie Winnetou seinem Bruder den Bruder seines Rappen schenkt.

Und wo wir schon bei Tangua sind, auch dessen Anwesenheit ist eine Novität. Dabei wirkt der Charakter anfangs noch sehr als Fortführung des bisherigen Apache Matto Schako, gewinnt dann aber durch die Darstellung von Sebastian Kolb (in seiner zehnten Elspe-Saison) immer mehr an eigenem Profil, bis er schließlich kurz vor dem Finale versucht, Old Shatterhand zu töten. Aus tiefem Hass gegen alle Weißen. „Ich sehe ihn nicht als Schurken“, betont der Schauspieler, der in den vergangenen Jahren durchaus der Lieblingsantagonist vieler Fans war. Für ihn ist der Kiowa-Häuptling  ein Mann der dunklen Vergangenheit, einer, der unter den Weißen gelitten und möglicherweise auch an den Alkohol gebracht worden ist, der aus ehrlicher Überzeugung misstraut und kämpft. Nebenbei, in seinen Dialogen ist er abwechselnd flehend und aufbrausend; bringt mehr „Kinski“ als seit langem in seine Darstellung ein. Auffällig sind die Kostüme der Kiowa-Krieger, für die sich Marco Kühne im Costner-Western „Horizon“ Anregungen geholt hat.

Ansonsten zeichnet sich das Ensemble in diesem Jahr vor allem durch die gelungene Integration neuer Darsteller aus. Erstmals überhaupt habe er sich gezwungen gefühlt, einen Plan des Geländes zu zeichnen, um allen die Namen der Auf- und Abritte zu erklären, sagt Marco Kühne nach der Premiere schmunzelnd.

Da ist Michael Müller, jahrelang als Autor, Regisseur und Sam Hawkens eine prägende Figur in Burgrieden. Wie bei Thomas Koziol hat er lange davon geträumt, einmal in Elspe zu spielen. Jetzt agiert er neben Matthias Schlüter (Sam Hawkens) und Markus Lürick (Dick Stone) als Will Parker im „Kleeblatt“, hat ein buchgetreues Kostüm samt Turban und roter Husarenjacke bekommen und deutlich mehr Dialog, als die Figur in früheren Versionen hatte. Das wertet das gesamte Trio mächtig auf – und der Schauspieler hat sichtlich Freude an seiner neuen Aufgabe, versichert zudem die Erleichterung, die es bedeute, sich einmal nur auf die eigene Rolle konzentrieren zu müssen. „Es ist eine gute Rolle, um hier in Elspe anzukommen“, sagt er und macht damit Hoffnung, ihn vielleicht auch in den kommenden Jahren hier erleben zu  können.

Neben Thomas Koziol sind noch zwei Österreicher ins Sauerland gekommen. Friedrich Grud hat gemeinsam mit Michael Müller in Burgrieden gewirkt, tritt jetzt als vielleicht düsterster Santer in Erscheinung, der je in Elspe zu sehen war. Eigentlich nur als Rattler vorgesehen, musste er kurzfristig für den gesundheitlich angeschlagenen James Bürkner einspringen. Neu in der Stuntshow ist Fabian Marklo, der bislang in der Arena Wagram für Rochus Millauer am Start war.

Ansonsten: Mit der Besetzung durch Tina Mester darf Miranda diesmal auf der Seite der „Guten“ bleiben und endet nicht wie früher auf dem Kuhfänger der Lok. Oliver Fleischer ist als Bancroft zu sehen, der erstmals in Elspe auftritt und Sheriff Barker ersetzt, aber ähnlich komisch ist. Stephan Kieper ist der erste neue Intschu-tschuna seit 1978 – so lange hat Wolfgang Kirchhoff diese Rolle geprägt. Der Feuerwerk-Spezialist hat einen deutlich vergrößerten Spielanteil und macht das Beste daraus, inklusive Zweikampf mit Tangua.  Auch Ben Schulte (Klekih-petra) und Sarah Gösser (Nscho-tschi) machen ihre Sache gut.

„Damit musst du jetzt leben“, bekommt Marco Kühne im Rahmen der Premierenfeier immer wieder zu hören, als eine Gratulation nach der anderen folgt. Das Stück hat überzeugt – und das völlig zu Recht. Vom zeitgemäßeren Prolog über die Lok, die in den Saloon rast, bis zum Trailer für den „Ölprinz“ im kommenden Sommer ist dem künstlerisch Verantwortlichen ein überzeugendes Stück gelungen, dessen kleine Überflüssigkeiten – wie etwa der „Knieschuss“ von Scharlih gegen Tangua – leicht zu verschmerzen sind. Ein bisschen mehr Böttcher gibt es auch noch, als in den Jahren davor! Für 2026 sind die Elsper das Maß aller Dinge.

Michael Kunz