28 Jahre ist es her, dass bei den Bad Segeberger Karl-May-Spielen ‚Der Schatz im Silbersee‘ in einer vom damaligen Regisseur, Winnetou-Darsteller und Intendanten Klaus-Hagen Latwesen bearbeiteten Fassung auf die Bühne des Freilichttheaters am Kalkberg kam. Am Hamburger Lichthof-Theater wurde diese Version nun erneut aufgeführt – allerdings in einer wiederum bearbeiteten Fassung: als so genannter ‚Ost-Western‘. Dabei bewegte man sich also in eine ähnliche Richtung, die auch Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe eingeschlagen hat, dessen ‚Karl-May-Festspiele‘ am 16. Dezember am Leipziger Central-Theater uraufgeführt wurden (siehe das Interview mit Grebe in der 118. KARL MAY & Co.-Ausgabe sowie unsere Newsmeldung vom 15.11.2009).

‚Die DDR im Herbst. Auf dem Campingplatz ‚Im Tal der Ahnungslosen‘ haben die Zeltbewohner – von Winnetou bis Tante Droll – ihre Nische gefunden zwischen Freiheitssehnsucht und Politkommissar. Doch Vorsicht. Westmänner nähern sich dem Camp! Und der Silbersee funkelt wie ein Versprechen inmitten blühender Landschaften. Der Große Manitu stehe euch bei…‘, heißt es in der Ankündigung des Lichthof-Theaters. Regisseur Marcel Weinand verwandele ‚die große Bad Segeberger Bühnenfassung des Klassikers von Karl May in einen Ost-Western über 20 Jahre Ex-DDR. Der etwas andere Kommentar zum Jubiläum des Mauerfalls.‘

Die Premiere fand am 4. Dezember statt; gespielt wurde bis einschließlich 31. Dezember 2009. Weitere Informationen unter lichthof-theater.de.

Die ausführliche Inhaltsangabe ‚Der Schatz im Silbersee’/Lichthof-Theater Hamburg:

DDR. Irgendwann im Herbst. Auf dem Campingplatz ‚Im Tal der Ahnungslosen‘ macht das Wort vom Silbersee die Runde. ‚Silbersee‘ lautet seit 40 Jahren das geheime Codewort. ‚Silbersee‘ ist das Versprechen auf Freiheit! Reisefreiheit, Konsumfreiheit, Frei-Zeit. Doch niemand kennt den ‚Silbersee‘. Auch nicht der versoffene Missouri Blunter. Er leitet das Camp, wendehalsig seit Adolfs Zeiten. Cooky ist seine linke Hand. Winnetou ist in Wahrheit eine Frau, Hardcore- Indianistikerin seit den Siebzigern. Sie führt auf dem Campingplatz ein echteres Indianerleben als jede Rothaut. Old Shatterhand und Old Firehand, Winnetous ehemalige WG-Genossen, haben gute Kontakte in den Westen. Und so geht es weiter. Von der DDRAnwältin Tante Droll bis zum Vollblutmarxisten Kleiner Wolf. Nie sieht man sie im Fernsehen oder bei den Montagsdemos, sie winken auch nicht mit Begrüßungsgeld aus ihren Trabanten in westdeutsche Kameras. Und doch sind auch sie das Volk. Ein bedrohtes Völkchen. Erst sind es die ignoranten Wessis mit Fotoapparat, Ingenieur Butler und seine Tochter (?) Ellen. Bald schon kommen Kleinkriminelle hinzu, die es offiziell gar nicht geben darf, weshalb dann auch die Großkriminellen Goldgräberstimmung schüren. Die Jahre rasen wie wilde Pferde über die Prärie, das ‚Tal der Ahnungslosen‘ wird geschlossen, abgewickelt wie das ganze Land. Der Silbersee funkelt nicht mehr. Zum Trost wird noch einmal Grilletta gegrillt und Ketwurst gereicht. Nostalgischer Osten Ende 2009.

nf
Abbildung: Die Schauspielerin Eva Engelbach im ‚Schatz im Silbersee‘ (Lichthof-Theater Hamburg/Simon Eymann)