In der Krise des Karl-May-Museums Radebeul sind der Vorstand und das Kuratorium der Karl-May-Stiftung nun mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gegangen. Die Stiftung teilt in dem mit „Ein Gebot der Verantwortung für Karl May und die Stadt Radebeul“ überschriebenen Text mit, sie habe sich „mit der Situation nach dem Bekanntwerden des bevorstehenden Ausscheidens des Museumsdirektors (…) und insbesondere mit den dabei erhoben (sic!) öffentlichen Vorwürfen beschäftigt“. Beide Gremien äußerten Verständnis für Christian Wackers „Enttäuschung über den langwieriger als seinerseits erwarteten Weg zur Umsetzung der Zukunftsvision des Karl-May-Museums“, kritisierten allerdings gleichzeitig, dass Wacker mit seinen Vorwürfen „den Weg über die Presse“ gewählt habe. Nach Auffassung der Stiftungsgremien werde dadurch „eine konstruktive Problem- und vor allem Lösungssuche“ nicht befördert, vielmehr „der Ruf von Stiftung und Museum schwer beschädigt und der Weg zur Umsetzung der Zukunftsvision weiter erschwert“, wie es in der Mitteilung hieß.
Im Klartext heißt das: Die Stiftung versucht offenbar, den Spieß umzudrehen und Christian Wacker die Schuld für die aktuelle schwere Krise zu geben. Mit keinem Wort gehen Vorstand und Kuratorium der Stiftung zudem in ihrer Mitteilung auf die Gründe für die Kündigung des profilierten Museumsmanagers sowie auf die schweren Vorwürfe ein. Ebenso erhält die Belegschaft des Karl-May-Museums mit der aktuellen Mitteilung der Stiftung eine klare Abfuhr. Die Mitarbeiter hatten sich am vergangenen Wochenende mit einem Brief an das Kuratorium geschlossen hinter Christian Wacker gestellt und vor dem Hintergrund der schwerwiegenden Vorwürfe die Ablösung des amtierenden Stiftungsvorstandes gefordert.
Eine solche Ablösung gibt es allerdings vorerst nicht. So ist der Pressemitteilung zu entnehmen, dass der amtierende Vorstand, bestehend aus Thomas Grübner, Ralf Harder, Klaus Voigt und Bert Wendsche, sich „einstimmig darauf verständigt“ hätte, dass Wendsche „bis auf Weiteres“ den Vorsitz übernehme. Wendsche ist Oberbürgermeister der Stadt Radebeul, aber als Teil des Vorstandes aus Sicht von Kritikern Teil des aktuellen Problems. In den bisherigen Monaten hatte der frühere Vorsitzende des Vorstandes, Werner Schul, seinen Vorsitz zunächst niedergelegt und war dann ganz aus dem Gremium ausgeschieden. Sein Nachfolger als Vorsitzender, Thomas Grübner, legte den Vorsitz allerdings ebenso nieder, so dass der Vorsitz vakant geworden war. Hier übernimmt nunmehr also Wendsche.
Wendsche steht aktuell allerdings nicht nur wegen der Vorwürfe des scheidenden Museumsdirektors in der Kritik. Die Fraktion Bürgerforum/Grüne/SPD im Stadtrat von Radebeul kritisierte vorgestern in einem offenen Brief an Wendsche, dieser habe im März den Kauf eines Grundstückes gegen zahlreiche Widerstände durchgesetzt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt durch seine Tätigkeit im Vorstand der Karl-May-Stiftung bereits von Wackers Kündigung, die dieser im Februar eingereicht hatte, gewusst hatte. Auf dem Gründstück an der Meißner Straße sollte ein Museumserweiterungsbau entstehen, ein zentraler Bestandteil der „Museumsvision“. Die Fraktion hat nun einen Antrag auf Einberufung einer Sondersitzung des Stadtrats gefordert. Es sei fraglich, heißt es in dem Schreiben, „ob Neubau und Neukonzeption des Museums in den nächsten Jahren ausgeführt werden können. Die Notwendigkeit des Ankaufs des Tankstellengrundstücks, um es als Vorplatz des Museums zu entwickeln, entfiele damit. Aus Sicht der Stadtverwaltung muss ein Ankauf des Grundstücks bis 2021 erfolgen, da dann der Durchführungszeitraum für das Fördergebiet endet und andernfalls Fördermittel aus dem Städtebauförderprogramm verloren gingen. Damit besteht keine akute Notwendigkeit, die Tankstelle zu kaufen, bevor nicht der Stadtrat die Gelegenheit hatte, die Neubau- und Neukonzeptionspläne und deren beabsichtigte Finanzierung durch die Karl-May-Stiftung zu prüfen und zu bewerten. Die Stadt finanziert die Stiftung derzeit mit 100.000 Euro pro Jahr, zudem wird nach Auskunft des Oberbürgermeisters eine nennenswerte Beteiligung der Stadt als Sitzkommune an den Neubauplänen der Stiftung erwartet. Nach dem beantragten Beschluss, die Durchführung des Ankaufsbeschlusses auszusetzen, ist die Karl-May-Stiftung aufzufordern, Neubau- und Neukonzeptionspläne einschließlich Kostenschätzungen, einen Zeitplan über die beabsichtigte Ausführung, sowie Belege vorzulegen, die einen förderschädlichen Maßnahmebeginn ausschließen. Danach kann der Stadtrat entscheiden, ob der Ankaufsbeschluss vom 18.03.2020 durchzuführen ist.“
In ihrer Pressemitteilung verweist die Karl-May-Stiftung nunmehr auf eine am 27. Juni stattfindende „planmäßige“ Sitzung des Kuratoriums, auf der auch „über etwaige Veränderungen im Vorstand und die Zuwahl neuer Vorstandsmitglieder entschieden werden“ solle.
Ob es also im Verlauf der weiteren Wochen einen personellen Neuanfang geben und wie der Vorstand dann besetzt sein wird, ist offen, ebenso, wer ab 1. Juni die Geschäftsführung des Karl-May-Museums übernimmt. Auf Anfrage von KARL MAY & Co. teilte der bisherige stellvertretende Vorsitzende der Stiftung, Ralf Harder, vergangene Woche mit, über die Nachfolge von Christian Wacker werde noch beraten.
Für Aufsehen sorgte am Donnerstag ein Bericht der Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) über einen weiteren bevorstehenden Rücktritt im Vorstand der Stiftung: Demnach soll Thomas Grübner, der bereits seinen Vorsitz niedergelegt hatte, vor seinem Rücktritt aus dem Gremium stehen. Eine Personalie, von der in der aktuellen Pressemitteilung der Stiftung allerdings nicht die Rede ist. In einer weiteren Meldung vom Nachmittag ergänzten die DNN, Grübner habe eigentlich zum Monatsende ausscheiden wollen, bleibe nun aber bis zu einer Neuwahl des Vorstandes.
Die Zeitung zitierte in ihrem ersten Beitrag auch den früheren Vorstandsvorsitzenden Werner Schul, der im März aus dem Vorstand ausgetreten war, mit den Worten „Nach dem Ausscheiden von Dr. Wacker sehe ich keine Chance mehr, dass die Vision, weswegen ich vor acht Jahren in den Vorstand eingetreten war, weiter vorangeführt werden kann“. Schul sei laut DNN der Ansicht, dass „der Neubau mitsamt den daran hängenden Plänen nicht mit den derzeit handelnden Personen gelingen“ könne. Nach DNN-Recherchen könne, wie die DNN nun berichteten, „nur Ralf Harder gemeint sein“, dem Christian Wacker „dorfschulmeisterliche“ Belehrungen und sogar Mobbing vorwarf. Wacker hatte Harder nicht beim Namen genannt. „Offensichtlich bestehen gegensätzliche Ansichten über das Selbstverständnis des Karl-May-Museums“, schreiben die DNN.
Die Karl-May-Stiftung schreibt in ihrer Mitteilung weiter: „Der Vorstand ist sich einig, dass die Verwirklichung der Vision für die Zukunft des Karl-May-Museums und für die lebendige Bewahrung des Erbes von Karl May von existenzieller Bedeutung ist. Dafür gilt es konsequent planerische, finanzielle und organisatorische Grundlagen zu legen. Belegschaft, Vorstand, Kuratorium, Stadt und Karl-May-Szene sollten sich um dieses Ziel unter Zurückstellung persönlicher Befindlichkeiten auch weiterhin vereinen und nicht spalten“, heißt es. Die Mitteilung endet mit einem Zitat Bert Wendsches: „Die Ideale von Toleranz und Menschenliebe Karl Mays sind mit dem öffentlichen Beschädigen von Personen, aus welchen Beweggründen auch immer, unvereinbar“. Wen Wendsche, der eine Anfrage der KARL MAY & Co.-Redaktion zu den von Christian Wacker geäußerten Vorwürfen seit Dienstag unbeantwortet ließ, hiermit genau meint, sagte er nicht.