„Rauchschwaden über Radebeul“ – Wer am heutigen Abend in die Google-News „Radebeul“ eingibt, findet unter anderem diese Überschrift. Sie gehört nicht zu einem Artikel über das Radebeuler Karl-May-Museum, aber wer sich die Nachrichten, die an diesem Tag zur Villa „Shatterhand.“ an die Öffentlichkeit gelangen, vor Augen führt, könnte sagen: Sie passen zur Situation des Museums.
Zu den Fakten: Der amtierende Direktor und Geschäftsführer des Karl-May-Museums und der Karl-May-Stiftung, Dr. Christian Wacker, hat gekündigt und scheidet bereits zum Ende dieses Monats aus. Nach Informationen von KARL MAY & Co. hat er bereits im Februar dieses Jahres gekündigt; er wird zum 1. Juni in Kuwait die Stelle als Generaldirektor einer Museums- und Kultureinrichtung antreten. „Der Vorstand der Stiftung hatte seinem Gesuch nach vorzeitiger Aufhebung des Vertrags jüngst entsprochen. Herr Wacker hatte das Museum vor zwei Jahren übernommen und mit einem Team, das mit jungen Museumsprofis ergänzt wurde, inhaltlich erweitert. Das Museum verfügt nun über eine klar definierte Sammlungspolitik, eine systematische digitale Inventarisierung und regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen. Inhalte wurden überarbeitet und das Museum erschließt zunehmend jüngere Zielgruppen mit erlebnisorientierten Programmen und Events. Die Vision für ein neues und zukunftsfähiges Karl May Museum wurde von Herrn Wacker weiterentwickelt und einer Umsetzung nähergebracht. Herr Wacker verlässt das Karl May Museum auf seine Bitte hin und wird ab 1. Juni 2020 eine neue Tätigkeit im Kulturmanagement antreten. Die Karl-May-Stiftung dankt Herrn Wacker für sein Engagement und die leidenschaftliche Weiterentwicklung unseres Museums“, hieß es in einer knappen Pressemitteilung, für die der Vorstand der Karl-May-Stiftung verantwortlich zeichnete.
Hinter den Kulissen von Museum und Stiftung brodelte es bereits seit Monaten, offenbar so sehr, dass die Vorstandsmitglieder Werner Schul und Thomas Grübner im Verlauf der letzten Wochen ihre Posten als Vorsitzende niederlegten (zunächst war Werner Schul Vorsitzender, auf ihn folgte später Thomas Grübner). Im Vorstand sitzen darüber hinaus Ralf Harder (bisheriger stellvertretender Vorsitzender), Klaus Voigt und Bert Wendsche, Oberbürgermeister von Radebeul, zurück.
Inzwischen hat Christian Wacker seinen Schritt, das Museum bereits nach zwei Jahren wieder zu verlassen, ausführlich in einem dreiseitigen Schreiben begründet. Dieses hat es in sich: In dem Brief übt der Museumsprofi, der weit über die Karl-May-Szene hinaus einen außerordentlich guten Ruf genießt, fundamentale Kritik am Vorstand der Karl-May-Stiftung und erläutert für ihn problematischste Arbeitsbedingungen und schwerwiegende Missstände, mehr noch: Christian Wacker spricht von Mobbing. „Natürlich sind inhaltliche Themen zu Karl May nicht von musealen Themen zu trennen und ich habe meine Aufgabe immer so definiert, dass ich für die Weiterentwicklung des Museums zuständig bin“, so Wacker. „In einem Museumsbeirat wurden die großen Themen auch diskutiert, die Umsetzung sollte man tunlichst den Museumsprofis überlassen. Ich habe zu Beginn meiner Amtszeit wohlgemeinte Ratschläge von besagtem Mitglied des Vorstands erhalten, sah mich aber bald mit Gegendarstellungen konfrontiert und wurde daran erinnert, Weisungsbefugnisse umzusetzen zu haben. Als promoviertem Kulturwissenschaftler erachte ich es als Anmaßung, mich in stundenlangen Telefonaten oder seitenlangen emails dorfschulmeisterlich belehren lassen zu müssen. Solche Diskurse können in einem Beirat geführt werden, dürfen aber nicht die Alltagsarbeit im Museum belasten. Ich kenne keine vergleichbare Institution, in der eine derartige Einmischung in die Museumsarbeit geschieht! Moralisch absolut indiskutabel finde ich dabei, dass meine Person von selbigem Mitglied des Vorstandes hinter meinem Rücken diskreditiert wurde, meine Kompetenzen in Frage gestellt werden und unter Ausbeutung meiner privaten facebook-Seite Sachverhalte skizziert werden, die ich gar nicht kenne. Es handelt sich hier um klassisches Mobbing, dem ich mich nicht weiter aussetzen werde“, lauten Wackers Vorwürfe.
Wacker bemängelt auch, dass seine Kompetenzen als Geschäftsführer beschnitten worden seien. „Schon im Vorstellungsgespräch im Dezember 2017 sowie in den darauffolgenden Monaten wurden die Prioritäten meines Arbeitsauftrags von Seiten der Stiftung mündlich und schriftlich festgelegt. Primäres Anliegen war es, das Museum in die Zukunft zu führen und die Neukonzeption einschließlich Neubau zu gestalten. In den ersten Monaten meiner Tätigkeit arbeitete ich gemeinsam mit dem Museumsteam die inhaltliche Konzeption um und erweiterte diese auf die beiden renovierungsbedürftigen bestehenden Gebäude. Die von mir vorgefundene Konzeption war inhaltlich nicht tragfähig, weshalb die neuen Ideen vom Vorstand angenommen und akzeptiert wurden. Die bestehenden Pläne hätten entsprechend modifiziert werden müssen, um einen Förderantrag bei Bund, Land und Stadt einreichen zu können. Diese Pläne hätten innerhalb von wenigen Wochen erarbeitet und damit die Grundlage für die Fortsetzung des Projektes Neukonzeption geschaffen werden können.“ Doch „erst nach Unterzeichnung des Geschäftsführervertrags“ sei Wacker nach dessen Aussage offenbart worden, „dass die Stiftung bereits förderschädlich gehandelt hatte, noch bevor Förderanträge gestellt worden waren, indem sie einen Generalplanervertrag mit einem Radebeuler Architekturbüro unterschrieben hatte. Dieser fahrlässige Fehler wurde von Seiten der Stiftung ‚behoben‘, indem die ehemalige Geschäftsführerin fristlos entlassen wurde und mit Hilfe eines überteuerten Rechtsanwaltsbüros ein Aufhebungsvertrag mit dem Architekturbüro ausgehandelt wurde. Aus dem Generalplanervertrag wurde ein Vertrag zur Umsetzung aller Planungsleistung bis Leistungs-Phase 4-5, der nebenbei bemerkt ebenfalls förderschädlich ist. Das Thema der Förderschädlichkeit sollte von Mitgliedern der Stiftung – ich sollte nur bei Bedarf hinzugezogen werden – mit dem Bund diskutiert und behoben werden. Über 1,5 Jahre und bis heute wurde die Stiftung hier nicht aktiv. Von Beginn an war ich äußerst verwundert darüber und habe dies bei verschiedenen Gelegenheiten auch angesprochen, dass ich in originäre Prozesse eines Geschäftsführers (z.B.: Diskussion mit dem Architekturbüro zum Thema Generalvertrag, Thema Förderschädlichkeit gegenüber dem Bund) nicht eingebunden werden sollte.“
Wacker weiter: „In jedem Fall wurde das Budget darauf verwendet, die fristlose Kündigung der ehemaligen Geschäftsführerin zu finanzieren (Abfindung, Rechtsanwalt), den Aufhebungsvertrag mit dem Architekturbüro abzuschließen (Rechtsberatung), ausstehende Honorare aus den Jahren 2016 und 2017 an das Architekturbüro zu bezahlen und die Skulptur des Brunnenengels umzusetzen, der im Januar 2018 noch vor meiner Zeit beauftragt wurde. Es wurde innerhalb des Vorstands der Stiftung vereinbart, keine weiteren Planungsschritte zur Neukonzeption zu unternehmen, bevor nicht das Problem der Förderschädlichkeit mit dem Bund geklärt ist.“ Der Museumsprofi kommt zu dem Fazit: „Für mich sind dieses Verhalten und die Verzögerungen des Stiftungsvorstands maßgeblich verantwortlich dafür, dass sich meine Begeisterung für das Projekt und meine Motivation dafür in den letzten beiden Jahren sukzessive gemindert hat. Ich war angetreten, um die Neukonzeption inhaltlich zu überarbeiten und in ein Neu- und Umbauprojekt zu überführen und umzusetzen. Tatsächlich habe ich die Neukonzeption mit dem Museumsteam inhaltlich überarbeitet und zum 90. Geburtstag des Museums am 1.12.2018 öffentlich präsentiert. Seitdem ist allerdings nichts geschehen!“
Der Museumsdirektor wirft in seinem Schreiben auch einen Blick zurück und betrachtet die Situation zur Zeit der Übernahme des Geschäftsführerpostens: „Das Museum hatte ich in einem vollständig veralteten Zustand übernommen und in den letzten beiden Jahren mit dem Team und einigen neuen qualifizierten MitarbeiterInnen in allen Bereichen musealer Arbeit weiterentwickelt“, so Wacker. Es sei „freilich zentrale Aufgabe eines Museumsdirektors, dies zu leisten, weshalb er als Professioneller seines Faches auch verpflichtet wird. Ich habe diese Aufgaben von Beginn an mit großer Leidenschaft verfolgt, zumal das Image des Museums innerhalb der Kulturszene aber auch der Karl-May-Szene ein schlechtes war. Um eine solche Institution zukunftsfähig machen zu können, muss sie inhaltlich und technisch aber vor allem ideologisch entstaubt werden. Neue Inhalte wurden geschaffen, neue Sichtweisen angeboten und Arbeitsweisen digitalisiert (z.B.: Inventarisierung).“
Gleichzeitig stellt Christian Wacker der Stiftung im Umgang mit kritischen Themen ein miserables Zeugnis aus. „Ein modernes Museum muss als Ort des Diskurses verstanden werden, an dem Meinungen unterschiedlichster Art zum Thema der Einrichtung geäußert und beschrieben werden dürfen. Wenn sich eine Kultureinrichtung heutzutage nicht den Diskussionen der Gesellschaft stellt, darf sie auch keine Unterstützung derselben erwarten. Für das Karl-May-Museum übersetzt bedeutet dies, die gesamte Karl-May-Szene und alle Interessierten darüber hinaus mitzunehmen und eine Bühne zu schaffen, Karl May auch anders deuten, ihm gegenüber auch Kritik äußern zu dürfen und ihn eben nicht nur auf einen Sockel zu stellen. Anfangs irritiert, später schockiert war ich darüber, dass in der Stiftung eine Meinung vertreten werden sollte, die der eines Mitglieds des Vorstands entsprechen musste. Sämtliche Themen zu Karl May wurden so über eine einzige Person kanalisiert, deren Einschätzungen als regelkonforme Stiftungswahrheit galten“, so Wacker, der die Frage stellt: „Warum nur verfügt die Stiftung nicht über einen Pool an Karl-May-Spezialisten, die zu kniffligen Fragen gemeinsam entscheiden?“.
Wacker: „Trotz allem war ich stets hochmotiviert, das Museum in die Zukunft zu führen und habe zwei Jobangebote für Direktorenstellen in Kairo im Sommer 2019 und im Saarland im Herbst 2019 ausgeschlagen. Mittlerweilen ist meine Begeisterung für das Projekt Neukonzeption des Karl May Museums unter den gegebenen Voraussetzungen derart getrübt, dass es mir nicht schwer fiel, ein Angebot aus Kuwait als Generaldirektor einer Museums- und Kultureinrichtung ab 1.6.2020 anzunehmen.“
Wackers offene Worte sind ein einmaliger Vorgang, doch der Museumsmanager, der schon in hochkarätigen Positionen von Köln bis Katar arbeitete, verbinde mit seinem Schreiben, das er explizit auch an die Freunde des Karl-May-Museums und an die Karl-May-Fans richtet, „die Hoffnung, dass eine selbstkritische Betrachtung der Strukturen des Karl May Museums und der Karl May Stiftung Veränderungen und Verbesserungen bewirken, die einer Zukunft dieser Institution förderlich sind.“
Erst Anfang 2018 war Christian Wacker in schwierigen Zeiten nach Radebeul gekommen: Wackers Vorgängerin Claudia Kaulfuß war von der Karl-May-Stiftung fristlos entlassen worden (KARL MAY & Co. berichtete), wie zuvor bereits Kaulfuß’ Vorgänger René Wagner. Die Mitarbeiter des Museums solidarisierten sich seinerzeit mit ihrer bisherigen Chefin Kaulfuß. Jetzt, nachdem ein ausgewiesener Museumsprofi fundamentale Kritik an der Karl-May-Stiftung übt, die aus dem Alltagsgeschehen der Museumsarbeit stammt, dürfte die Situation eine noch problematischere sein. War der Imageverlust bereits nach den Kündigungen von Wagner und Kaulfuß immens – der Stiftung war seinerzeit zudem ein problematisches Krisenmanagement vorgeworfen worden –, dürfte der Scherbenhaufen in Radebeul nun noch größer sein. Einen Nachfolger für Christian Wacker zu finden, dürfte nicht nur in Zeiten von Corona eine der größten Herausforderungen sein, die die Karl-May-Stiftung zu bewältigen hat.
Auf Anfrage von KARL MAY & Co. sagte Ralf Harder, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Karl-May-Stiftung, zu einem Nachfolger: „Über die Nachfolge von Herrn Dr. Christian Wacker wird noch beraten. Die Corona-Kontaktbeschränkungen der letzten Wochen waren einer Entscheidungsfindung nicht förderlich. Herr Dr. Wacker bat um eine vorzeitige Vertragsauflösung. Mehr kann ich aus Datenschutzgründen nicht mitteilen.“
Doch es könnte gut sein, dass der Job des Radebeuler Museumsdirektors nach den Schlagzeilen der letzten Jahre und der nun offen geäußerten, schwerwiegenden Kritik nicht der begehrteste in der deutschen Museumslandschaft ist. Auf den Facebookseiten von KARL MAY & Co. lautete die spontane Äußerung eines Karl-May-Anhängers an diesem Tag: „Schleudersitz?“.