Erst wenige Monate ist es her, da sorgten Karl-May-Stiftung und Karl-May-Museum im gesamten deutschsprachigen Raum für Aufsehen. Der bisherige Direktor und Geschäftsführer Dr. Christian Wacker hatte gekündigt und die Gründe mit scharfer Kritik am Vorstand der Karl-May-Stiftung verbunden.

In Folge dessen wurde Ende Juni dieses Jahres bei der Sitzung des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung nahezu der gesamte Vorstand ausgetauscht; KARL MAY & Co. sprach damals von „der kleinen Revolution“, da durch den personellen Umbruch das eintrat, was viele zuvor nicht für möglich gehalten hatten. So ist in Radebeul seitdem ein Duo aus Dr. Volkmar Kunze (Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender) und Robin Leipold (Museumsdirektor) im Amt. Seinerzeit wurden weitere personelle Veränderungen auch im Kuratorium der Karl-May-Stiftung, in dem der frühere Museumschef Dr. Christian Wacker „einen ziemlichen Filz“ ausgemacht hatte, in Aussicht gestellt. Entscheidend hierfür ist eine weitere wegweisende Sitzung des Kuratoriums am kommenden Samstag, 10. Oktober, in Radebeul. Über die Entwicklungen der letzten Monate, die nahende Sitzung und Radebeuler Aussichten sprachen wir mit Florian Schleburg, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft (KMG) und in dieser Funktion auch Mitglied des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung.

Herr Schleburg, zuletzt haben wir direkt nach der „Marathonsitzung“ miteinander gesprochen. Da waren Sie voller Hoffnung. Wie haben Sie die Wochen und Monate seitdem erlebt, was haben Sie bezüglich der Stiftung beobachtet? Was tut sich hinter den Kulissen?

„Aber nach (…) vielen persönlichen Gesprächen ist mein Eindruck, dass wir im Juni keine bessere Wahl hätten treffen können.“

Die Hoffnung, die ich auf den neuen Vorstand aus lauter Fachleuten setzte, scheint sich zu erfüllen. Man kann nach einem Vierteljahr keine Wunder erwarten; viele Einzelheiten wird das Kuratorium erst am 10. Oktober erfahren, und ich möchte mich auch nicht über Planungen äußern, die noch nicht spruchreif sind. Aber nach einer Videokonferenz im September und vielen persönlichen Gesprächen ist mein Eindruck, dass wir im Juni keine bessere Wahl hätten treffen können: Der Stiftungsvorstand hat sich unter dem Vorsitz von Dr. Volkmar Kunze mit großem Schwung sowohl der Aufarbeitung von ›Altlasten‹ als auch der Herausforderungen der Zukunft angenommen. Ein erster Workshop zur Neukonzeption des Karl-May-Museums hat bereits unter Beteiligung auswärtiger Experten stattgefunden – das ist ein frischer Wind, den zumindest ich sehr gerne atme.
Was sich sonst hinter den Kulissen tut … – die nächste Frage bitte!

„… das ist ein frischer Wind, den zumindest ich sehr gerne atme. Was sich sonst hinter den Kulissen tut … – die nächste Frage bitte!“

Was ist der nächste entscheidende Schritt hin zur Erneuerung? Welche Schritte sind derzeit aus Ihrer Perspektive die dringendsten?

Für mich hat, schon aus menschlichen Gründen, die wirtschaftliche Konsolidierung des Museums oberste Priorität. Da kommt zum Einnahmenausfall des Pandemiejahres die Tatsache, dass in der Vergangenheit zuweilen doch etwas gutsherrenartig mit den ›human resources‹ umgegangen wurde. Vergessen wir nicht, wie viel Geduld und Opferbereitschaft der seit Monaten anhaltende Notbetrieb den Angestellten abfordert! Wir können uns zu einem Team, das aus Begeisterung für die Sache unermüdlich Überstunden anhäuft und noch in seiner Freizeit Reinigungsarbeiten durchführt, nur beglückwünschen, doch irgendwann sind die Grenzen der Belastbarkeit erreicht.

„Vergessen wir nicht, wie viel Geduld und Opferbereitschaft der seit Monaten anhaltende Notbetrieb den Angestellten abfordert!“

Und dann ist natürlich das Kuratorium selbst eine einzige Baustelle. Die Aufgaben der Stiftungsgremien müssen neu definiert und klar verteilt werden, und wir brauchen transparente, effiziente Standardverfahren der Entscheidungsfindung für unsere Arbeit. Eine solche Reform von innen heraus ist psychologisch heikel, und an einer Änderung der Stiftungssatzung hängen juristische Fragen der abschreckendsten Art.

Gehen wir doch auf diese beiden Punkte etwas genauer ein. Die finanzielle Lage des Museums wurde in Zeitungsberichten zwischenzeitlich als desolat beschrieben, und die Vision „ruht“ bis auf Weiteres. Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Das möchte ich vorsichtig bejahen – unter dem Vorbehalt, dass mir für die Beurteilung kaufmännischer Sachverhalte die eigene Kompetenz fehlt. Aber im Stiftungsvorstand, der das Tagesgeschäft führt, ist diese Kompetenz reichlich vorhanden, und ich sehe nach längerer Stagnation nun Tatkraft und Besonnenheit am Werk. Es zeichnen sich sogar Chancen ab, eine realistisch geerdete Version der ›Vision‹ umzusetzen – unter der Voraussetzung von Kontinuität und Konstruktivität in der Stiftung.

Wie sehen Sie das künftige Profil des Museums?

Ich finde, das Karl-May-Museum sollte einerseits durch informative und werbende Veranstaltungen für ein breites Publikum, Vermietung von Räumlichkeiten und dergleichen seine Verankerung in der Lokalkultur der Stadt Radebeul und ihrer Umgebung bewahren und auch weiterhin den Charme eines ›kleinen‹ Museums mit historischer Bausubstanz im gewachsenen architektonischen Ensemble zur Geltung kommen lassen. Andererseits muss es als Gedenkstätte für einen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus einflussreich gewordenen Schriftsteller und als Verwalter bedeutender ethnologischer Sammlungen und Buchbestände auch bestrebt sein, durch seine Arbeit Anschluss an die größere sächsische Museumslandschaft zu finden und sich überregional als Partner für Wissenschaft und Kulturszene zu profilieren. Dafür ist die von Dr. Christian Wacker in Gang gesetzte Professionalisierung der inneren Strukturen und der Präsentation nach außen aufzugreifen und fortzuführen – mit Robin Leipold sitzt ja der richtige Mann an der richtigen Stelle.

„… mit Robin Leipold sitzt ja der richtige Mann an der richtigen Stelle.“

Der andere Punkt ist das Kuratorium selbst. Für den Herbst waren ja personelle Erneuerungen angekündigt. Wurde mit Kandidaten gesprochen, und wie schätzen Sie die Chance auf Erneuerung ein? Gibt es innerhalb des Kuratoriums diesbezüglich einen Konsens?

Es gibt, soweit ich die Lage einschätzen kann, einen Konsens, DASS sich das Kuratorium neu aufstellen muss. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob zuerst die personelle oder die strukturelle Erneuerung angepackt werden soll. Hat es Sinn, noch in der alten Besetzung die neuen Strukturen auszuhandeln und dann gezielt geeignete Personen für bestimmte Funktionen anzuwerben? Oder bringen wir bereits für die Beratungen neue Gesichter und frische Ideen ins Kuratorium, ohne zu wissen, wer am Ende an welcher Stelle gebraucht wird? Nach derzeitigem Stand sind Nachwahlen sowohl für den 10. Oktober als auch für eine weitere Sitzung im November vorgesehen. Ich wünsche mir hierfür ein faires, demokratisches Verfahren und habe dem Kuratoriumspräsidenten die Unterlagen vier hochkarätiger Persönlichkeiten zugestellt, die sich zur ehrenamtlichen Mitarbeit bereit erklärt haben. Von anderer Seite sind mir zwei weitere KandidatInnen bekannt geworden, die ebenfalls ausgezeichnete Qualifikationen mitbringen. Wenn es nicht zu neuen Eklats kommt, werden die personelle und die strukturelle Erneuerung wohl über einen längeren Zeitraum hinweg parallel ablaufen.

„Ich habe dem Kuratoriumspräsidenten die Unterlagen vier hochkarätiger Persönlichkeiten zugestellt, die sich zur ehrenamtlichen Mitarbeit bereit erklärt haben.“

Die Transparenz der Vorgänge in Radebeul lässt noch immer sehr zu wünschen übrig …

Verständlich ist, dass wirtschaftliche Interna und strategische Überlegungen nicht öffentlich abgehandelt werden, zumal das Kuratorium ja nur an wenigen Terminen im Jahr förmliche Beschlüsse fassen kann. Hinzu kommt jedoch bei einigen Herren die Furcht, dass die offene Diskussion von Missständen und Meinungsdifferenzen einen Imageschaden erzeuge – von der betreffenden Seite wird mir auch dieses Interview zweifellos als Indiskretion und Profilierungsversuch ausgelegt werden. Meiner Ansicht nach aber ist es ganz im Gegenteil die vormals gepflegte Heimlichtuerei, die in einer modernen Gesellschaft den nachteiligen Eindruck von Provinzialität, Inkompetenz und Unredlichkeit erweckt. Wir sollten uns nicht darüber Gedanken machen, wer wem was sagen darf, sondern wie sich in der Stiftung Zustände ausbilden und perpetuieren konnten, deren letztlich nicht zu vermeidende Aufdeckung jedesmal derart blamabel und skandalträchtig wirkt.

Wir sollten uns nicht darüber Gedanken machen, wer wem was sagen darf, sondern wie sich in der Stiftung Zustände ausbilden und perpetuieren konnten, deren letztlich nicht zu vermeidende Aufdeckung jedesmal derart blamabel und skandalträchtig wirkt.

Die Vorstellung, dass konzeptuelle, wirtschaftliche und personelle Entscheidungen der hier erforderlichen Tragweite von einem kleinen Kreis gewiss redlich bemühter, aber doch recht zufällig ausgewählter Herren einstimmig hinter verschlossenen Türen getroffen werden könnten, hat sich endgültig als anachronistisch erwiesen, und wer hohe Zuschüsse von der öffentlichen Hand bezieht, schuldet der Öffentlichkeit ein gewisses Maß an Information – ganz abgesehen davon, dass die Solidarität der May-Szene einen alles andere als unverächtlichen Posten im ›ideellen Kapital‹ der Stiftung bildet! Das bundesweite Medienecho vom Sommer 2020 hat bewiesen, dass die Frage nach der Rolle, die Karl May in unserer Zeit spielen kann, starkes gesellschaftliches Interesse mobilisiert, und so schlecht kann das Image des Museums nicht sein, wenn sich renommierte Fachleute aller Art von heute auf morgen bereit finden, unentgeltlich bei der Gestaltung seiner Zukunft mitzuwirken. Wir brauchen einen offenen Dialog.

Was ist denn nun realistisch von der Sitzung am Samstag zu erwarten?

Wenn ich mir die Tagesordnung und den E-Mail-Verkehr der letzten Tage (und Nächte) so ansehe, steht uns erneut eine lange, emotional geführte Debatte ins (Rat-)Haus. Es geht ja nach der Weichenstellung vom Juni auch diesmal wieder, wie sicher noch in etlichen weiteren Sitzungen, um ganz Grundlegendes: die Identität von Stiftung und Museum im 21. Jahrhundert, und da haben sich doch recht deutliche Fronten herausgebildet. Sollte die menschliche Konstellation im Kuratorium zu einer Blockade der bereits eingeleiteten und noch anstehenden Reformen führen, wäre die Stiftung am Ende – dies aber kann keine Fraktion wollen, und so baue ich auf das bewährte Moderationsgeschick des Präsidenten Dr. Robert Straßer.