Zu viel May-Konsum?

Aus KARL MAY & Co. Nr. 150 / Dezember 2017

In seiner umstrittenen Studie „Sitara und der Weg dorthin“ machte sich Arno Schmidt am Rande folgende Gedanken: „Die auffällig vielen ‚Irren‘ bei May (Waldröschen / Verlorene Sohn / Weg / Surehand usw.) könnten ihr Dasein dem Umstand verdanken, daß Waldheim gleichzeitig auch Anstalt für Geisteskranke war.“ Nun irrte Schmidt, die Psychiatrische Abteilung war zu Mays Haftzeiten bereits von Waldheim nach Schloss Colditz verlegt worden, allein ist der Gedanke von May und Irresein äußerst verführerisch, speziell auch, wenn man die Karl-May-Fan-Szene betrachtet. Besonders ausgeprägt scheinen dort Zwangsstörungen zu sein: Für den Betroffenen besteht ein innerer Drang, bestimmte Dinge immer wieder zu tun. So haben wir etwa den bedauernswerten Büchersammler, der ständig fremdes Altpapier durch- wühlt, um das zu finden, was andere wegwerfen, etwa Schutzumschläge. Ein anderer Fall ist der monomanische Bühnenfan, der wie ein Mantra alle Namen der Segeberger Darsteller von Winnetous Pferd Iltschi in chronologischer Reihenfolge vor sich hinmurmelt („Schnuffi, Pedro, Uschi...“). Tragisch auch der Fall des Steinsammlers, der es sich zum Ziel gesetzt hat, von jeglichem Drehort in Kroatien, an dem Pierre Brice gearbeitet hat, wenigstens ein Stück Fels in den heimischen Garten zu schaffen, um daraus am Ende ein Denkmal für den Winnetou-Darsteller zu bauen. 

Die alle und noch viele andere stelle ich mir manchmal in einer Anstalt versammelt vor, eine Anstalt, geleitet von einem ebenfalls nicht ganz geistig normalen alten Arzt mit erschwindeltem Doktortitel, der, wie weiland Dr. Mabuse, mittels geheimnisvoller Strahlen seine Patienten beeinflusst und seit Jahrzehnten davon träumt, dass sein einziges Drama endlich mal in einem großen Theater aufgeführt wird. 

Wie auch immer – die Anstaltszeitschrift feiert ihre 150. Ausgabe. Doppelte Ration Medikamente für alle! 

Rolf Dernen