Heute ein König

Aus KARL MAY & Co. Nr. 149 / September 2017

Karl May geadelt! „Durch die Wüste“ erscheint in der ZEIT-Edition „Literarische Weltreisen“! Endlich widerfährt ihm, worauf die KMG und alle seine Jünger jahrzehntelang hingearbeitet haben: Anerkennung. Denn bisher suchte man ihn in derart illustren Sammlungen eher vergeblich. Was waren das gestern, damals für Zeiten! Ich erinnere mich: 

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In der Post ist der ungefragt eingeworfene Katalog eines renommierten Verlagshauses und auf dem Titelblatt wird angepriesen: „Auslese-Edition. Unerlässliche Klassiker der deutschen Literatur“ – da werde ich hellhörig. Unerlässlich ist auch mein lieber Karl May, mal sehen, ob er darunter ist! Aber, das war vorherzusehen: Fehlanzeige. Für schlappe 120 Euro kann man sich einmal das Destillat des Kanons nach Hause holen – nichts dagegen, aber es fehlt eindeutig an Wüstensand und Präriegras. Kein Winnetou. Kein Halef. 

Ein Unding! Aber vielleicht ist mein Blick auch nur zu ein- geschränkt? Ich fahre den Laptop hoch, logge mich ein (Profilname: Charley) und falle über meine Suchmaschine her. „Klassikeredition Karl May“ ergibt tatsächlich einige Treffer, ha! – Doch ach, es sind nur „Klassiker der Abenteuerliteratur“, „Jugendbuchklassiker“ oder ähnliches. Nein, das reicht mir nicht, ich will nicht den Nobelsand- kasten, sondern die Adelshochburg! – Aber vergeblich. Es gibt Klassiker der Welt-, Europa-, Pferde-, Reise-, U-Boot-, Kochbuch-, Erotik- und Nasenbohrliteratur, aber Karl May wird nirgends erwähnt! 

Verdrießlich setze ich mich in mein Auto („Rih“) und düse zur Stadtbibliothek. Kaum angekommen, husche ich zu den Enzyklo- pädien. Von zahllosen Buchrücken glänzen bedeutungsschwere Titel, die verheißen, die Welt zu ordnen. „Enzyklopädie deutsch- sprachiger Literatur“. Kein Karl. „Literaturlexikon der Neuzeit“. 

Kein Karl. „Deutsche Dichtung“. Kein Karl. Als ich endlich in „Motive der Weltliteratur“ unter dem Lemma „Blutsbrüderschaft, die“ nur eine knappe Erwähnung finde, lasse ich sie kurzerhand fallen und renne dampfend hinaus. Wer würde denn heute noch so etwas wie Blutsbrüderschaft kennen, hätte Karl May nicht darüber geschrieben?! 

Vor der Bibliothek verteilt gerade jemand Telefonbücher. Ich grabsche mir eines, schlage es auf und suche. „Kein Karl May!“, zetere ich und schmettere es zurück auf den Stapel. Einen verdutzten Austeiler hinter mir lassend, erreiche ich mein Auto. Rih hat ein Knöllchen unter dem Geschirr Scheibenwischer. Ich schnappe es mir. Flotter Blick: „Kein Karl May!“, entrüste ich mich, verfrachte mein aufgebrachtes Ich hinters Steuer und rase los. Obwohl ich das „Geheimnis“ nicht anwende, pest Rih unter meinem wütend niedergepressten Fuß heute nur so durch die Straßen. Deshalb kann es nicht anders kommen: Ein Ordnungshüter hält mich an, ich zügele notgedrungen am Straßenrand, springe aus dem Sattel und bevor der Sheriff etwas sagen kann, schnauze ich: „Dienstausweis!“ Baff gehorcht er und zeigt das verlangte Objekt. Ein Blick genügt. „KEIN KARL MAY!“, brülle ich. Dann muss ich eben selbst Karl sein! Und – zack! – schmettert ihn mein berühmter Jagdhieb zu Boden. – 

Ganz hinten, in einem dunklen Winkel des Untersuchungsgefängnisses, haben sie einen Bücherschrank. „Klassiker-Edition der Aussortierten“ nenne ich das Möbel. Und dort finde ich ihn, meinen Karl. 

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Doch zum Glück sind solche Alpträume jetzt vorbei, zum Glück sind jetzt bessere ZEITen angebrochen. Karl May, ein Klassiker der Literatur, endlich. 

Tamer J. Sermon