Es ist ein in jeder Hinsicht einmaliger Vorgang: Gestern verkündete das Karl-May-Museum auf seinen Internetseiten und Social-Media-Kanälen die Veröffentlichung der ersten Ausgabe eines neuen Museumsmagazins, nachdem die Vorgängerpublikation „Der Beobachter an der Elbe“ Ende des vergangenen Jahres nach 33 Ausgaben und unterschiedlichen Auffassungen des bisherigen Chefredakteurs Ralf Harder (zugleich stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Stiftung) und Dr. Christian Wacker, Museumsleiter bis Mitte Mai dieses Jahres, eingestellt worden war. Doch der Facebook-Post, den auch der Förderverein des Museums und die Karl-May-Gesellschaft teilten, verschwand kurze Zeit später wieder. Nach Informationen von KARL MAY & Co. erfolgte die Löschung allerdings nicht durch den für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing zuständigen Museumsmitarbeiter. Griff hier ein Mitglied des Vorstandes der Karl-May-Stiftung aktiv in die operative Museumsarbeit ein, indem er den Beitrag zensierte?

„Den Facebook-Post zu löschen, ist ein Beweis mehr dafür, dass Ungewünschtes unterdrückt werden soll. Zu meiner Zeit hatte neben Herrn Sternitzke (Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing im Museum; Anm. d. V.) nur eine Person die Zugänge dazu, Herr Harder“, so Christian Wacker im Gespräch mit KARL MAY & Co. Die Beantwortung einer Anfrage bei Ralf Harder nach dem Urheber der Löschung und den Gründen hierfür steht noch aus.

„Den Facebook-Post zu löschen, ist ein Beweis mehr dafür, dass Ungewünschtes unterdrückt werden soll.“

Paradoxerweise blieb die Ankündigung des Magazins auf der Webseite des Museums und im Online-Shop „Tradingpost.de“ bis zur Veröffentlichung dieser Meldung bestehen. Dort kann das Magazin nach wie vor bestellt werden.

Doch die Intervention ging offenbar noch weiter: Der Vorstand der Karl-May-Stiftung hatte vom Zeitpunkt des Erscheinens und vom Inhalt des Magazins offenbar keine Kenntnis und sorgte nun dafür, dass Interimsgeschäftsführer René Wagner die Auslieferung des Magazins vorerst verbot.

Ein Grund für diese Zensurmaßnahme könnte der Inhalt des Magazins sein: So enthält es neben zwei Beiträgen des zuletzt fristlos entlassenen Museumsdirektors Wacker auch einen Artikel der renommierten Kulturwissenschaftlerin Alina Dana Weber, die in den USA sowie Deutschland lehrt und sich in ihrem Beitrag unter anderem der Diskussion homosexueller Tendenzen bzw. dem Gender-Rollenspiel in Mays Texten als eine der Formen von „Performanz“ im „Mayversum“ widmet. Den Artikel hatte Christian Wacker eigentlich für eine frühere Ausgabe des „Beobachter an der Elbe“ vorgesehen, doch Ralf Harder hatte ihn abgelehnt. Nach Informationen von KARL MAY & Co. soll Harder seinerzeit, unterstützt durch mindestens einen Kollegen im Stiftungsvorstand, auf sein Weisungsrecht und seine Kompetenz im Karl-May-Bereich gepocht haben, verbunden mit der Begründung, es gebe keinen Anhaltspunkt in der Biografie Mays, dass der Schriftsteller homosexuell gewesen sei. So kam es, dass eine Debatte über das Thema durch die Intervention des Stiftungsvorstandes zunächst nicht stattfinden konnte.

Der bisherige Museumsdirektor Christian Wacker hatte in der Begründung seiner Kündigung unter anderen explizit auf diesen Vorgang Bezug genommen und der Karl-May-Stiftung fehlende Kritikfähigkeit und einen Mangel an Transparenz und Toleranz vorgeworfen. Er hatte dies unter anderem daran festgemacht, „dass ein Beitrag einer anerkannten amerikanischen Professorin für den letzten ‚Beobachter‘ [gemeint ist der „Der Beobachter an der Elbe“] abgelehnt wurde, nur weil er ‚dem Gerücht, May sei homosexuell gewesen, neue Nahrung geben‘ könnte“, so Wacker in der detaillierten Begründung seines Rücktritts (KARL MAY & Co. berichtete). Zudem habe „ein weiteres Mitglied des Vorstands der Stiftung“ unterstrichen, „May solle nicht mit ‚Schwulengeschichten in Verbindung‘ gebracht werden“, so Wacker, der resümierte: „Solche Äußerungen vertragen sich nicht mit dem Stiftungszweck unserer Satzung §2.1 der ‚[…] erzieherische[n] Absicht der Ausbreitung von Toleranz […]‘“. Diese Kritik aufgreifend, bezog die gesamte Belegschaft des Karl-May-Museums zudem Stellung: „(Das) sorgt für uns als Team, das sich den Idealen Karl Mays von Weltoffenheit, Toleranz und freier Meinungsäußerung verpflichtet sieht, für absolutes Unverständnis. Wir als Belegschaft des Museums lehnen klar jegliche Form von Homophobie und Sexismus entschieden ab und sind über das Verhalten des Vorstandes mehr als erschüttert“.

„Nachdem der ‚Beobachter an der Elbe‘ eingestellt wurde, wurde im Vorstand beschlossen, dass sich das Museumsteam zukünftig um das Magazin kümmern wird. Das ist so auch im Protokoll nachzulesen.“

Die doppelte Radebeuler Zensur: Sie wiegt umso schwerer, wenn man die Entstehungsgeschichte des neuen Magazins berücksichtigt. Hierzu Christian Wacker im KARL MAY & Co.-Gespräch: „Nachdem der ‚Beobachter an der Elbe‘ eingestellt wurde, wurde im Vorstand beschlossen, dass sich das Museumsteam zukünftig um das Magazin kümmern wird. Das ist so auch im Protokoll nachzulesen. Der Vorstand hat zu keinem Zeitpunkt gefordert, dass Inhalte abgestimmt werden müssen. Natürlich ist das Museumsteam verpflichtet, nicht gegen die Statuten der Stiftungssatzung zu verstoßen, was es im Übrigen noch nie getan hatte. Eine Kontrolle durch den Stiftungsvorstand würde doch sehr nahe einer Zensur kommen, oder?“

Ob, wann und wie das neue Museumsmagazin nun den Weg zu seinen Leserinnen und Lesern finden wird, steht einstweilen in den Sternen. Bestellt werden kann es nach wie vor über den Online-Shop des Karl-May-Museums.