Oh mein Gott!

Aus Magazin 138 / November 2014

Oh mein Gott! (Illustration von Marko Brock)

Geplapper, Gemurmel, Blicke auf die Uhr. Die Menge wartet, hält Stifte und Autogrammkarten oder Behelfsmittel bereit: kopierte Fotos, Zeitungsartikel, beschreibbares und unbeschreibbares Merch, Papierfetzen, Körperteile … Man wartet. Es ist doch längst Zeit! – Dann knackt ein Mikrofon, eine Stimme erschallt und kündigt ihn endlich an, den Star, auf den alle warten! Getuschel brandet kurz auf, Fotoapparate werden gezu?ckt, Hälse gereckt, schließlich will man die Ankunft des Stars, des Helden, ach was – des Gottes ganz genau mitkriegen. Nicht umsonst hat man die Reise auf sich genommen, man möchte der Person einmal nahe sein, mit deren Antlitz man sein Zimmer tapeziert hat, die man schon immer anhimmelt, deren Biographie und Geheimnisse man besser kennt als sie selbst, der man ein eigenes Regal mit Publikationen und Fotoalben gewidmet hat.

Und dann geschieht es: Der Star tritt ein und der Blitzlicht-, Gerufe- und Gedrängel-Sturm bricht los. Der Star winkt, sichtlich erfreut u?ber die Aufmerksamkeit. Und die Fans werden nun erst recht enthusiasmiert, schaukeln sich gegenseitig bis zur Ekstase hoch, umwogen ihr Idol wie ein rauschender Ozean – oder doch wie Piranhas? Blinde Piranhas wohl. Denn das Winken des Stars ist matt und seine Freude zu gleichen Teilen Ru?hrung und – verkappte Angst. Seine große Zeit ist lange vorbei, die Bilder, auf denen er unterschreibt, wurden vor 50 Jahren aufgenommen.

Nein, es handelt sich bei ihm nicht um Justin Bieber, Emma Watson oder Benedict Cumberbatch, sondern um einen (oder auch einen anderen) Darsteller, der in den 1960er Jahren in einer deutschen Filmserie mitspielte, die sich an den Werken eines sächsischen Fabulierers mal mehr, mal weniger orientierte. Kurz: Um einen Karl-May-Star. Und nein, es handelt sich nicht um eine Schar 13-jähriger Groupies, sondern um Fans, die die Karl-May-Filme teilweise noch im Kino (oder bei einer Wiederauffu?hrung) gesehen haben und nun im Wechsel mal in Kroatien den letzten Stein suchen, den das Hochwasserhosenbein von Pierre Brice oder der Blick von Marie Versini gestreift hat und mal eben diesen und ihren Kollegen hinterher stolpern und ihnen nebenbei den Weg versperren …

Ob das ihren Idolen genehm ist, fragen sie nicht, können sich wohl kaum das Gegenteil vorstellen, die Götter von einst lächeln dabei auch immer so angetan. Kann ja nur echt sein, bei Schauspielern. Nostalgie oder Wahnsinn? Kindheitserinnerung oder unterbewusste Störung? – Fan-Sein oder Groupie-Sein, das ist hier die Frage.

Tamer J. Sermon