Mr. Bombastic

Aus Magazin 143 / Februar 2016

Illustration: Marko Brock

Karl May hat ja nun wirklich viel Blödsinn geschrieben. Da gibt es zum Beispiel die Szene, in der Old Shatterhand im 1. Band von „Im Reiche des silbernen Löwen“ den Bärentöter mit einer Hand in der Luft herumwirbelt und damit irgendwelche Gegner vor die Köpfe haut. Nun wiegt das Ding – zumindest in der Form, wie May sich das hatte bauen lassen – ungefähr so viel wie eine Kiste Bier. Und ist nicht so handlich. Aber alleine die Vorstellung, hoch zu Ross eine Kiste Bier über den Kopf zu schwenken, reicht eigentlich schon aus, um zumindest erst mal die Flaschen zu leeren. Ist das geschehen, so erinnert man sich viel leicht an all das, was May an wirklichen Informationen geliefert hat. Speziell, wenn es um den Wahnsinn im Nahen Osten geht: Sunniten – Schiiten etwa. Das ganze Glaubensgedöns, das schon kurz nach dem Tod von Mohammed begonnen hat, Karl May hat es beschrieben. Das kann man in Gesprächen als May-Leser immer schön-genüsslich anbringen, wenn sie einen mal wieder für einen infantilen Vollidioten halten. (Gut, es gibt auch unter den May-Freunden infantile Vollidioten, aber ich denke mal, prozentual nicht mehr als in der Gesamtbevölkerung.)

Wenn es ganz speziell um Kurdistan geht, punktet man als Kenner der Orientromane Mays besonders mit der Kenntnis über  die Jesidi. Der Durchschnittsdeutsche hat ja zum ersten Mal von diesen Menschen gehört, nachdem die Religionsfaschisten, die sich „Islamischer Staat“ nennen, Massenmorde an ihnen verübt hatten. Unsereins weiß, dass die Jesidi – und nun kommt wieder der Blödsinnsfaktor Mays hinein – total ordentliche, freundliche Menschen sind, fast so, wie die Deutschen. Je nun, ein größeres Lob kannte May wohl nicht, das sei einmal großmütig seiner Zeit geschuldet. Und immerhin hat Kara Ben Nemsi ihnen vor circa 130 Jahren gegen die Osmanischen Truppen geholfen. – Aber jedenfalls weiß unsereins ungefähr, wer diese Jesidi sind und erntet schonmal einen erstaunten Blick dafür, wenn man das wie selbstverständlich von sich gibt.

Dass May das alles nicht aus Selbsterfahrung, sondern unter anderem durch die Lektüre der Werke von Austen Henry Layard wusste, schmälert für den May-Leser nicht die Freude am Besserwisserfaktor („Ja klar, kennt man doch durch Karl May!“), wenn sich mal wieder ein Gesprächspartner überhaupt nicht im Orient auskennt. Nimmt man noch Peter Scholl-Latour hinzu, dann kann gar nichts mehr passieren. Und dieser war ein Karl-May-Fan.

Rolf Dernen