Junge, nun probier doch erstmal!

Aus Magazin 140 / Mai 2015

Illustration: Marko Brock

„Igitt, Eiersalat!“ – Kennen Sie das? Dieses anscheinend typisch deutsche Phänomen, jemandem, der sich an etwas eventuell Exotischem erfreut, eben diese Freude auszureden und ihm das Hobby madig zu machen?

Da keimt in einigen wenigen Enthusiasten die stille Hoffnung, endlich mal eine richtig gute Karl-May-Verfilmung geschenkt zu bekommen (immerhin zu Weihnachten und nicht von der Gebühreneinzugszentrale gesponsert). Schon kommen die alles immer besser wissenden Realisten, sagen „Igitt, Eiersalat!“ und zählen an den Fingern von sieben oder acht Händen ab, wieso das „nix werden kann“.

Romanverfilmungen sind für jemanden, der zuvor den Roman gelesen hat, meist enttäuschend. Das ist bekannt. Bezüglich der anstehenden Verfilmungen trete nun allerdings ein interessantes Phänomen auf: Es lese sich alles so, als habe man gar nicht vor, (erstmalig) den originalen May-Stoff zu verfilmen, sondern lediglich die Verfilmungen der 1960er-Jahre neu aufzulegen. Womit man sowohl die wackeren May-Leser als auch die Winnetou-Film-Nerds gleichermaßen vor den Kopf stoße. 

Karl May, so das nächste Argument, sei sowieso von vornherein unverfilmbar. Und sehen wolle das ohnehin keiner. Karl May als daily oder weekly soap würde funktionieren. Aber als kompletter Film? Da würde man doch viel zuviel erzählbares Potenzial verschenken.

Als nächstes stößt man sich an dem Vorsatz, die Filmemacher wollten etwas völlig Neues entwerfen, würden dazu aber zu viel aus dem Alten mit ins Neue holen. Mit der altehrwürdigen Musik und den (fast schon) „Original“-Schauplätzen gehe es schon los. Wirken Böttchers Musik und Kroatien heute überhaupt noch? Und wird eine neuzeitliche Karl-May-Verfilmung durch die ursprüngliche Musik der 1960er-Jahre authentischer? Man lasse die Chance, ein neues Universum zu schaffen, das neben dem alten bestehen kann, ungenutzt verstreichen, sagen die Mahner.

Wenn man dann noch lese, dass der angedachte Shatterhand-Darsteller fast fünfzig ist? Okay, Lex Barker war damals auch so Mitte bis Ende vierzig. Hat niemanden gestört. Gleichwohl müssen neue Gesichter her, die in große Fußstapfen treten. Kann das überhaupt gut gehen? Der immerwährende Vergleich mit den beiden Übervätern Barker und Brice wird jedes noch so ambitionierte neue Projekt begleiten, seien seine Darsteller auch noch so gut. 

Und wer soll überhaupt Winnetou spielen? Ein echter Indianer. Das wäre dann wirklich mal was Neues. Da wirkt das alles gleich viel echter. Dass man aber wieder so ein Glück habe wie einstmals Horst Wendlandt, dessen Winnetou-Darsteller so gottgegeben unbekannt und unverbraucht war, werde wohl bezweifelt. Zur Mediengruppe des herstellenden Senders würde es jetzt noch passen, auf RTL II die dazugehörige Winnetou-Casting-Show zu positionieren. Wie dem auch sei: Bevor das Projekt „Winnetou-Neuverfilmung“ nicht abgeschlossen ist, lässt sich nichts Wertendes sagen. Polarisieren wird es vorher und nachher gleichwohl. Doch so wie beim sprich wörtlichen Eiersalat empfiehlt sich auch hier, erst zu probieren und dann – notfalls – zu lästern.

Gordon Piedesack