Ist Karl Mays Tod etwa ein (Klara) Mordfall?

Aus Magazin 144 / Mai 2016

Illustration: Marko Brock

„Karl Mays Tod aufgeklärt“ – so rauschte es durch den Onlineblätterwald. Der „sächsische Fabulierer“ (fällt denen eigentlich nie eine neue Titulierung ein?) sei an einer Bleivergiftung gestorben. „Aufgeklärt“: Ja, war denn sein Tod ein so großes Rätsel für uns? Bereitwillig haben wir immer die Erklärung mit der Lungenentzündung hingenom - men – und jetzt das? Aber seien wir mal ehrlich: Aufregend ist das ja schon und man fragt sich vielleicht, welche Blüten diese Erkenntnis noch treiben wird.

So schrieb ein scharfsinniger Beobachter in einem sozialen Netzwerk, May tue es seinen Romanhelden nur gleich, die schließlich auch an Blei starben, wie zum Beispiel die ganze Familie Winnetous (naja, die Mutter … aber wen interessiert die?). Wir sehen es schon kommen: Die große Monografie „Blei im Werk Karl Mays“, die umfassend erforscht, wieviel Blei in den Bänden und den Körpern in ebendiesen steckt. Eine  Tagung zu Blei in Mays Leben – „Zuviel Blei bei Karl May!“ – folgt auf dem Fuß; da gibt es dann Vorträge wie „Wasserleitungen aus Blei. Ein historischer Abriss über ein heute vergessenes alltägliches Phänomen und dessen Auswirkungen auf das Leben und Sterben von Karl May“ oder „Kein Schuss, viel Blei – das war Karl May! Wie der Schöpfer Winnetous wirklich starb (Arbleitstitel)“.

„Und was ist mit uns?!“, schreien dann die Filmfans und reisen nochmal an die Drehorte, um Bleispuren von Requisiten, Standlagern, Brice-Gebrauchsgegenständen und so weiter zu finden. Das wird dann in einem neuen Filmbildband veröffentlicht, mit bisher unbekannten Stand- und Dreh - fotos. Apropos neuer Band: Der Karl-May- Verlag lässt sich diese Chance natürlich auch nicht entgehen und bringt einen weiteren Sonderband heraus, eine Anthologie, die Karl May von seiner bleischwersten Seite zeigt. Cover: Kämpfende Gestalten vor einem bleiernen Himmel. Ausstattung: Ganzleinen mit Bleiprägung. Inhalt: Noch unbekannt.

Dann kommen schließlich Figuren von Karl-May-Personal aus Blei statt Zinn heraus, Bleigieß-Sets mit dem Konterfei des berühmten Autors überschwemmen den Markt, Segeberg spielt „Old Bleierhand“, Elspe „Halbblut: Bösewichte, Blei und Bumm“, Galileo Mystery dreht eine Doku „Die Bleisetzung. Was geschah bei Karl Mays Beerdigung wirklich?“, RTL verfilmt Karl Mays Leben endlich publikumsgerecht und mit Fokus auf das Rätsel seines Bleitodes (KMV: „Nicht frei nach, sondern frei von Karl May!“), die Grünen werben mit May auf Plakaten für die Verwendung bleifreien Kraftstoffes, ein Kolumnist wird für seine schlechten Wortwitze mit Blei gespickt und irgendwo im tiefsten Sachsen fragt ein Fünftklässler seine konsternierte Lehrerin: „Wer war eigentlich dieser Karl Bley?“ 

Tamer J. Sermon