Ich gehe zu.... einem Festival

Aus Magazin 141 / Dezember 2015

Illustration: Marko Brock

„Wir könnten die Arbeit doch auch erst am 19.06. schreiben, dann haben Sie das Wochenende für die Korrektur“, lautete im Frühling der sehr fürsorgliche Vorschlag meines Leistungskurses. Es mag nun dahin gestellt sein, ob es tatsächlich fürsorglich ist, Wochenendarbeit in Aussicht zu stellen, in jedem Fall war dieses Datum für mich aber keine Option, da die Premiere vom „Der Schatz im Silbersee“ in Elspe anstand. Aber wie erklärt man Zwölftklässern nachvollziehbar, dass man an dem Wochenende lieber anderen beim Indianer Spielen zusieht, als seine Arbeit zu machen? „Nein, an dem Wochenende ist es schlecht, da fahre ich zu… einem Festival!“ Der perfekte Einfall, denn Festivals schätzen Schüler und tatsächlich heißt der Veranstalter ja Elspe Festival. „Cool! Welche Bands spielen da?“ Die schnelle und durchaus interessierte Nachfrage zeigte mir, dass mein genialer Einfall noch nicht dazu geführt hatte, die Klippe gänzlich zu umschiffen. „Ähm, nein, keine Bands, das ist mehr ein… Theater-Festival!“ Damit war der neugierige Haufen zufrieden, aber auch sichtlich enttäuscht. Statt cooler Rock-Festival-Lehrerin dann doch so etwas Spießiges wie Theater. Das hätte man sich auch gleich denken können. 

Klar könnte man jetzt argumentieren, dass Teenager nie verstehen, was man selbst gerade toll findet. Aber unabhängig vom Altersunterschied hat meine Erfahrung in Bezug auf Karl May schon oft gezeigt: Irgendwas abzusagen und dann im Nachhinein von einem tollen Wochenende mit Winnetou und Old Shatterhand zu berichten, ist sehr risikobehaftet. Im besten Fall erntet man ein müdes und mitleidiges Lächeln, im schlechtesten Fall Unverständnis oder gar Entrüstung. Im Zweifelsfall verallgemeinere ich meine Absagen daher auf ein Bedauerndes: „Oh, für den Termin habe ich schon Theaterkarten...“ Das wirkt so wunderbar gebildet, dass es niemand zu verurteilen wagt. 

Wenn sich die eigene Karl-May-Begeisterung, die mir im Übrigen ohne mein Zutun von meinem Vater in die Wiege gelegt wurde, dann aber doch trotz aller genialer Ausflüchte erst einmal herum gesprochen hat, darf man sich mit den gängigen Klischees auseinandersetzen: Karl May ist Trivialliteratur, der war doch ein Verbrecher, das ist alles nicht mehr zeitgemäß, Filme aus den 60ern sind retro und überhaupt ist Winnetou schwul und Karl May rassistisch. Ja nee, is klar…

Bei Menschen in diesem fortgeschrittenen Stadium der Karl-May-Antipathie habe ich es aufgegeben, dagegen zu halten oder Ausflüchte zu suchen. Denn im Grunde hat die durchaus beträchtliche Anzahl jener scheinbar infantiler und bildungsferner Irrer, die sich Karl-May-Fans nennen, es nicht nötig sich anzubiedern. Eine Freundin hat es auf den Punkt gebracht, als sie sagte, dass sie mal wieder normale Menschen um sich brauche. Recht hat sie: Normale Menschen, mit denen man über die Buchnähe von Karl-May-Stücken, über verborgene Drehorte in Kroatien, über die Vorzüge von Bühnen- und Filmdarstellern, über Neuerscheinungen im Karl-May-Verlag, über den viel zu früh verstorbenen Pierre Brice und über Tausend andere Dinge sprechen kann, die man letztlich dem verbrecherischen Hochstapler aus Sachsen zu verdanken hat. In diesem Sinne: Karl-May-Fan sein ist manchmal schwer, aber letztlich doch jede Mühe wert.

Nadine Schmenger