Ich bin Redakteur bei KARL MAY & Co.

Aus KARL MAY & Co. Nr. 145

Illustration von Marko Brock

Es gibt bekanntlich die unterschiedlichsten „Karl-May-Freunde“: Die einen fahren alljährlich nach Bad Segeberg, erfreuen sich an den Darbietungen aufgehalfteter Pferde und abgehalfterter Schauspieler und wundern sich, dass dort neben Fritten- und Wildwestkitschbuden ein freundlicher älterer Herr Druckwerke („…nee, dat sind Bücher, da gehen wir nich rein!“) anbietet. Die anderen sind die Filmnostalgiker, die alljährlich in Kroatien gottesdienstähnliche Festivitäten zu Ehren mittlerweile meist verstorbener Darsteller abhalten und höchst erstaunt sind, wenn man ihnen sagt, dass etwa die Figur „Apanatschi“ nicht Mays Feder entsprang. Die dritte Gruppe sind die Leben-und-Werk- Spezialisten, die sich einerseits ihre Textinterpretationen, gerne in Bezug auf die Biographie des Autors, andererseits die unterschiedlichen Buch- und Zeitschriftenausgaben von Mays Werken gegenseitig um die Ohren hauen. Den jeweiligen Hardcore-Vertretern dieser Fraktionen ist es meist peinlich, mit den anderen verwechselt zu werden.

Fairerweise muss man aber sagen, dass es durchaus Schnittmengen gibt, ja, geben muss, sonst würde dieses Magazin nicht existieren. Dazu gehören diejenigen Leute, die 25 Ausgaben vom „Silbersee“ im Regal stehen haben, aber auch mal eine Freilichtbühne besuchen (möglicherweise in der Hoffnung, dort ausnahmsweise eine Buchvorlage wiederzuerkennen) und bei Martin Böttchers „Old-Shatterhand-Melodie“ eine Gänsehaut bekommen. Und – so schießt mir gerade ein Gedanke durch den Kopf – das hätte ja auch was: Man setze sich in Bad Segeberg in die erste Reihe, habe einen „Union“-Band (1. Auflage natürlich) vom „Silbersee“ dabei, dazu auf dem Laptop den entsprechenden Film von Harald Reinl und kichere fröhlich vor sich hin, bis die Jungs in den weißen Kitteln kommen und einem erst mal die sedierende Dosis eines Benzodiazepins injizieren. Stunden später, beim Arztgespräch, antwortet man auf die Frage, womit man sich denn so beschäftige: „Ich bin Redakteur bei KARL MAY & Co.“ In der geschlossenen Abteilung, in der man dann sicherheitshalber untergebracht wird, werden die hoffentlich reichlich mitgebrachten Abokarten bestimmt reißenden Absatz finden.

Rolf Dernen