Fledermaus

Aus KARL MAY & Co. Nr. 147

Nordlichter sind ja bekannt für ihr fast britisches Understatement. Auch bei den Segebergern muss man zwischen den Zeilen ihrer bescheidenen Verlautbarungen lesen, um das ganze Ausmaß ihrer Ambitionen zu erahnen. Wenn Kalkberg-Chefin Ute Thienel für ihren 2017er „Old Surehand“ zurückhaltend einen „ganz neuen Showdown“ ankündigt, für den ein „sehr augenfälliger Neubau nötig“ sei, dann heißt das: Die Plastefelsen weichen einer Dependance des Noctalis und die Fledermausschutzgitter rücken vom Kalkberg direkt vor die Zuschauerbänke. Dann nämlich können die Tierchen mitspielen: General Dracula lässt sie auf die Helden los – Karl May goes Fantasy.

Durch den Umbau der Arena zur Fledermaus-Voliere wird es eng im Stadion. Geschäftsführerin Thienel bei der Pressekonferenz: „Fantastisch, so ist der Zuschauer noch näher am und im Geschehen!" / Illustration: Marko Brock

Und die dürre Inhaltsangabe  – wie im Film ohne Shatterhand, aber wie in der dreibändigen „Surehand“-Originalausgabe mit den Hafenbars von San Francisco – bedeutet: Nicht nur die Filmfans, sondern auch die Literaturwissenschaftler sollen Bad Segeberg ernst nehmen. Das ist den Spielen, mit den Einnahmen aus vier Rekordjahren im Rücken, eine stattliche Gaststar-Riege wert: 

Einem Schiff – natürlich auf Gummirädern wie die Lok in Dasing – entsteigt der singende Seemann Peter Polter (Gaststar Hansi Hinterseer), der sich in Mutter Thicks (Gaststar Marianne Sägebrecht) Bar von Lord Castlepool und Smedley (Frank Schröder und Fried Wolff) anwerben lässt, ihnen den Wilden Westen zu zeigen. Dort treffen sie auf Winnetou (schon klar: Jan Sosniok) und den immer fröhlichen Johnny Garden (Gaststar Bernd Stelter), der mit Vorliebe über den Apachen und dessen Silberbüchse Witze reißt. Polter nimmt ihn nicht ganz für voll, bis Winnetou einen besonders zotigen Scherz kommentiert: „Mein Freund Old Surehand hat heute wieder seinen spaßigen Tag.“ Castlepool fragt erstaunt nach: „Der berühmte Surehand? Ich hätte Euch, mit Verlaub, nicht für den besten Schützen des Westens gehalten, sondern für eine Witzfigur.“ Surehand: „Den Westen bezeichnet man nicht umsonst als die finsteren und blutigen Gründe, und wenn ich darüber lache, dann nur, um nicht darüber zu weinen.“ Der Satz ist geklaut – Abraham Lincoln sagt ihn im Film „Der Schatz der Azteken“ –, aber das lässt sich leicht als Hommage ausgeben; Peter Görlach macht das auch immer so. Winnetou erläutert: „Die Familie meines Freundes Surehand hat ein schweres Schicksal erlitten, aber darüber spricht er nicht gern.“ Surehand: „Es gibt auch Dringenderes zu besprechen. Beim Spurenlesen habe ich entdeckt, dass Old Wabble den Comanchen in die Hände gefallen ist.“ Castlepool: „Old Who?“ Surehand: „Er selbst bezeichnet sich als König der Cowboys, alle anderen nennen ihn Old Wabble, weil er schon vor Angst schlottert, wenn ihm nur ein Präriehase begegnet. Aber er ist nun mal mein Maskottchen. Ich werde ihn wohl retten müssen.“ 

Da nun schon von Surehands Familie die Rede war: Seine Mutter und sein Bruder sollen auch im wirklichen Leben Mutter und Sohn sein – angesichts der Spannungen in einer solchen Beziehung kann die Probenzeit auch als Familientherapie dienen. Offiziell ist die Besetzung noch geheim, aber vorsorglich wurde die Rolle der Mutter schon mal in Kolma Uschi umbenannt.  

Henning Franke