Der Friedensengel

Aus KARL MAY & Co. Nr. 151 / März 2018

„Mr. Shatterhand, Mr. Winnetou, was ein Glück, dass ich Sie treffe! Sie werden mir nicht glauben, was ich daheim beim schönen Elbstrand letztens beschlichen und beobachtet habe! Gar schrecklich!“

„Mein humpelnder weißer Bruder möge sich beruhigen.“

„Winnetou hat Recht. Erzähl uns in Ruhe, was passiert ist, lieber Frank.“

„Ich war wieder einmal in der Heimat, um meine Augen durch den Anblick meiner geliebten Villa Bärenfett zu erfreuen. Leider hatte sich meine Passage verspätet, und so war es bereits dunkel, als ich mich meinem trauten Blockhaus näherte. Zum Glück habe ich die Institute eines Westmannes, und so hörte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Ein seltsames Kratzen war zu hören, und zwischen den Bäumen flackerte Licht. Ich schlug mich also ins Gebüsch und robbte ganz nach Westmannsart heran. Was ich sah, ließ mir das Blut in allen Adern und Katamaranen gefrieren: Ein Fackelzug bewegte sich auf die Mitte meines schönen Gartens zu und murmelte dabei allerlei schauderhaftes Zeug. An ihrer Spitze ging ein Kerl, der in einer Schubkarre ein gewaltiges Ding transportierte. Gebannt sah ich zu, wie er es schließlich auf ein Podest hievte. Ich schwöre Ihnen bei der Dreieinigkeit von Bärentatze, Tabak und deutschem Bier, dass es sich um einen gigantischen Engel handelte! Plötzlich knieten alle nieder, und ich dachte erst, sie huldigten dem steinernen Ding, aber dann erkannte ich, dass sie den Herrn anbeteten, der die Karre geschoben hatte. ‚Ein Hoch auf den harten Oberhäuptling! Herrsche er für immer!‘, riefen sie zu rhythmischem Getrommel. Dieser Oberheini ergriff das Wort und hielt eine schmetternde Rede über den Engel. Dann holte er aus der Schubkarre einen Stapel von Zeitschriften – irgendetwas mit ‚Charly & Co.‘ stand auf dem Titelblatt –, bestreute sie mit einem Gemisch aus Kräutern und Häme und erklärte, der Voodoo möge beginnen. Darauf zog er einen gewaltigen Edding aus seinem Waffengurt und strich jeden zweiten Satz in der Zeitschrift aus!

Mir schauderte ganz schrecklich, als er schließlich noch einen grauhaarigen, verschüchtert dreinblickenden Mann nach vorne rief, ihn zum Unterhäuptling erklärte und ihm riet, sein Amt wacker auszuüben, wenn er nicht so enden wolle wie seine Vorgängerin. Diese war aus dem Stamm ausgestoßen worden, weil sie es gewagt hatte, einen Beschluss auszuführen, den sie gemeinsam beim Rauchen der Pfeife der Beratung mit dem Oberhäuptling gefällt hatte.

Zum Schlusse erklärte der gruselige Oberhäuptling, der neue Unterhäuptling müsse jetzt mit einem Ritual im Bockhaus eingeweiht werden, in dessen Keller im Laufe der Jahre schon allerlei Zauber vollbracht worden wären. Daraufhin begab sich der ganze Schtamm … Verzeihung, Mr. Winnetou, der ganze Stamm in meine geliebte Villa Bärenfett und verschwand unter Trommeln und Murmeln.

Das hat sich alles genau so zugetragen, so wahr ich Hobble-Frank heiße!

Schaudernd verließ ich meinen Posten und rannte davon, direkt bis Hamburg, um Passage über den albanischen Ozean bis in den guten Wilden Westen zu nehmen. An den Elbstrand aber will ich nicht mehr zurück.“

„Aber, aber, lieber Frank! So schrecklich das alles ist, vielleicht sollten wir erst einmal weitere Kundschafter losschicken, bevor wir die Villa verloren geben.“

„Stimmt, Mr. Shatterhand, vielleicht kann uns die Stasi helfen.“

„Du meinst sicher Späher, Frank.“

„Ich bin der Hobble-Frank und meine, was ich sage!“

Heliogabalus Morpheus Edeward Franke
nach einer Idee von IM Charly Geierschnabel

Illustration: Marko Brock